Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 12. September 1942 (Heidelberg)


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Heidelberg. 12. Sept. 1942.
Mein geliebtes Herz!
Ein stiller Sonntagnachmittag soll mich endlich den Brief zu Papier bringen lassen, der Dir schon lange zugedacht ist. In Gedanken schreibe ich ja täglich lange Briefe an Dich, aber sie werden nicht sichtbar. Und so meinst Du vielleicht, es fehle am guten Willen! Doch nein, das glaube ich doch nicht, sondern Du weißt selbst, daß man nicht immer schreiben kann. Es kommt einem auch vieles zu unwichtig vor und mit manchem, was mich beschäftigt, bin ich nicht so im Reinen, daß ich davon reden könnte. Da ist z. B. der Aufsatz von Litt, der mir bei aller sachlichen Kühle sehr gegenwartsbezogen erscheint. Aber ist wirklich der Vitalismus so geistfeindlich? Mir ist er immer im Gegenteil als der Weg erschienen vom Mechanischen wieder zur Erkenntnis von den schöpferischen Kräften des Lebens zu gelangen. Man hat mir eine
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| andere Terminologie geschaffen, aber die Sonderstellung des Menschen kommt doch dabei ganz unbedingt zum Ausdruck und alle Forschung mündet ungewollt wieder in das alte Bild von "der Krone der Schöpfung" ein.
Ist das wirklich das Ziel der Schöpfung, daß ihr vollkommenstes Geschöpf sich auf die raffinierteste Art selbst umbringt??
Am 14. ist ab nun ein Jahr, daß Hermann die Nachricht vom Tode seines Heinz bekam. Welch feiner, liebenswürdiger Geist ist damit zu Ende gegangen. Hat man das Recht, für ihn eine Vollendung zu fordern? Ich weiß es nicht! Er selbst war im Gefühl sein Leben voll gelebt zu haben. - -
Tag für Tag strahlt die Sonne vom wolkenlosen Himmel, und die Erde lechtzt nach einem Regen. Manchmal zieht sich etwas Gewölk zusammen, aber dies Jahr ist bei uns hier kein elektrisches Zentrum. Gestern war starkes Wetterleuchten im Süden, vielleicht ein Gewitter im Schwarzwald.
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| Hier aber lächelt der Himmel weiter, und es scheint mir beinah ein Hohnlächeln, denn das Gemüse in den Gärten verdorrt und der Kohl wird von unzähligen Raupen zerfressen. Das können wir gerade noch gebrauchen. Im ganzen freilich dürfen wir uns noch nicht beklagen, wenn auch das, was wir als Butter kaufen, Margarine ist, und die Margarine ausbleibt oder sehr fragwürdig aussieht. Heidelberg war nach Karlsruhe einige Tage sehr nervös, aber jetzt beruhigt es sich wieder. Täglich zum Mittagessen gibt es Voralarm, der aber die Ernährung nicht behindert. - Ob auch bei Euch noch von den Russen Beunruhigung droht? Vermutlich ist auch die Ostseeküste jetzt mal in Mitleidenschaft! - Ich hoffe sehr, daß Deine Kauschwierigkeiten jetzt dauernd behoben sind. Bei mir ist die Sache auch endlich verheilt. - Dabei fällt mir auch Frl. Meinecke ein. Ob sie nun endlich nach Haus kam? Aber mit dem Bestellen der Liegewagen soll es jetzt auch ein Ende haben.
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Im Buchladen wollte ich im voraus von der Erziehung die Nummer bestellen, in der Dein Aufsatz erscheinen wird. Sie wollen es versuchen, glauben aber nicht an Erfolg. Die letzte Nummer, die mir geliefert wurde, ist Heft 7./8 von April/Mai, ist das wirklich die letzte? Und nun möchte ich doch sehr gern Deine Vermittlung erbitten, daß ich von Deinem Heft, außer meinem abonnierten, etwa 5 Exemplare kaufen kann. Ich will sie ja nicht geschenkt, aber möchte sie doch verschenken können!
Liebes Herz, nun habe ich Dir ja aber noch gar nicht gedankt für Deinen lieben Brief zum 31., der auch am 2. Sept. noch nicht mit inniger Freude empfangen wurde. Es war mir so lieb, aus Deinen und Susannes Schreiben zu spüren, daß die Erholung doch fühlbar gewirkt hat. Wunder tun, können freilich drei Wochen in Taunusluft nicht. Wenn ich nur Möglichkeit hätte, Euch an der guten Versorgung , die wir hier
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| noch haben, teilnehmen zu lassen. Freilich Fleisch und Fett sind kartenmäßig mager, aber Gemüse ist reichlich und Obst bekommt man auch etwas. - Sonst aber ist das Einkaufen eine Strafe. Was habe ich für Überredungskünste gebraucht, um für Heinz Pramann einen Trinkbecher für seine Milch zu bekommen. Tassen gibt es schon gar nicht mehr. Jedes zerbrochene Stück im Haushalt ist jetzt ein Unglück. Und bald wird es am vorteilhaftesten sein, zu den Fliegergeschädigten zu gehören, wenn man überhaupt etwas kaufen will.
Draußen zieht jetzt eine große dunkle Wand im Westen auf und es gibt Aussicht auf ein Nachtgewitter. Vielleicht mit Alarm? - Am Dienstag sollte mit Schoepffers ein Tagesausflug stattfinden; das würde wohl wieder das beliebte Waldhilsbach sein. Na, mir ists recht, so oder so. Es ist ja immer
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| angenehm, mal einen Tag nicht zu kochen. Verführt durch Heinrichs habe ich mir gestern für 37 <altes Pfennigzeichen> ½ l Bergbräu geholt; aber der Genuß war mäßig - immerhin etwas kräftiger als damals in Königstein.
Jetzt will ich diesen Brief noch in den Kasten bringen, damit er morgen, Montag um 6 Uhr früh abgeholt wird. Wann wird er bei Dir sein??
Etwas sehr Trauriges muß ich Dir noch erzählen: Meine liebe Nachbarin, Frau Buttmi, hat ihren einzigen Bruder, mit dem sie ganz besonders nahe stand, im Osten verloren. Sie ist jetzt zu ihrer Schwägerin gefahren, die mit 2 kleinen Kinder, Tochter von 4 und Sohn von 2 Jahren, zurückbleibt. Wer wird wiederkommen?
Sie können nichts tun, als standhalten und den Glauben nicht verlieren an einen Sinn, der höher ist, denn unsre Vernunft. In dieser Gewißheit grüße ich Dich innig.
Deine
Käthe.

[li. Rand] Grüße Susanne herzlich.