Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 29. September 1942 (Heidelberg)


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Heidelberg. 29. Sept. 42.
Mein geliebtes Herz,
Du hast mir trotz aller ununterbrochnen Arbeit solch lieben Brief geschrieben und ich bin doch mit dem Schreiben zum Sonntag in Rückstand geblieben. In den Tagen vorher hatte ich gerade einen beginnenden Hexenschuß und scheute das Gebücktsitzen im kalten Zimmer. Denn der plötzliche Temperatursturz war doch recht fühlbar und ich hatte dem nicht gleich mit entsprechender Kleidung Rechnung getragen. Aber mit Aspirin und dem berühmten Katzenfell (Du weißt!) ging die Sache gnädig vorbei. Und jetzt heizt täglich die Sonne wieder sehr schön. Sie kommt allerdings schon jetzt, Ende September, erst um 10 Uhr über den Berg an meine Fenster. Morgen werde ich nun beantragen, daß meine Heizung wieder angeschlossen wird, denn vom 1. Okt. an kann ich das verlangen. Zwischendurch habe ich mehrmals das elektrische Öfchen angesteckt, aber das
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| kostet viel Strom. Ich muß das erst ausproben. Aber es funktioniert gut, und sieht auch nett aus: es ist nicht von Blech, sondern Schamotte, schwarz-weiß marmoriert. - Am Sonntag war Dr. Henning mal wieder bei mir nachmittags und zum Abendbrot, da war es recht gemütlich warm mit dem Ofen.
Sonst ist mein Tag mit vielerlei Geschäftigkeit angefüllt. Ich habe immer den Wunsch, mal aufarbeiten zu können, um dann für angenehmere Beschäftigung die Hände - und den Kopf frei zu haben. Denn es quält mich, daß ich es ganz verlernt habe in Ruhe nachzudenken. Es gibt wohl Momente der Besinnung, auch hin und wieder einen Gedanken, aber gleich reißt der Faden wieder ab und der glatte Alltag drängt sich vor. Das Einzige, womit ich mich mehr beschäftigt habe ist Deine schöne Festschrift. Es freut mich, daß ich dem Littaufsatz die Absichtlichkeit angespürt habe. Ich hatte sogar den Eindruck, als ob er sich den Gegner nur geschaffen habe, um sich dagegen auszusprechen.
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Mit mehr innerer Anteilnahme lese ich manches Andere. Wer ist der Dr. Arnold Bork? - Wie lebendig tritt Platon einem aus dieser einfühlenden Schilderung entgegen! Und Friedrich des Großen pädagogische Bestrebungen erscheinen ungemein weitblickend. Ob sein Enkel 1900 ihm nacheiferte? Auf Deinen "Philosophen von Sanssouci" bin ich ganz ungeheuer gespannt. Wie froh macht es mich, daß Du so glücklich bei dieser Arbeit warst! Es wird gewiß etwas besonders Schönes, denn Du hast eine wundervolle Gabe, geistiges Werden lebensvoll anschaulich zu machen. Ich weiß noch, wie mir das damals - damals 1906! an der Altenstein-Denkschrift zum erstenmal klar wurde. - Die vielen kurzen und konzentrierten Arbeiten in der Festschrift sind augenblicklich so recht geeignet für mich. So kann ich wenig lesen und doch lange damit zu tun haben. - Den Plato haben wir auf Wunsch bei Schoepffers gemeinsam angefangen, es ist aber so viel Griechisch darin, daß es beim Vorlesen ziemlich stört. Ich denke noch ganz
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| besonders bei der Lektüre an unser Lesen der Dialoge in Freudenstadt. Und auf den "Geist der Sokratik bei Schleiermacher" freue ich mich auch. Ich meine, den fühlt man seiner Übersetzung der Dialoge an, deshalb mag ich auch die modernen nicht.
Inzwischen will es Herbst werden. Es ist aber vorläufig noch so viel gut Wetter in Vorrat, daß es nicht ernstlich schlecht wird. Nur mit der Wärme scheint es vorbei. Mit den 2 Mathys waren wir noch vorige Woche auf dem Kümmelbacher im Freien, aber ein geplanter Ausflug mit Hedwig und mir allein für den Sonnabend ist gründlich verregnet. Nun denke ich diesen Sonnabend/Sonntag nach Dielbach zu gehen, schon um die Kartoffelsäcke hinzubringen, denn nun kommt die Ernte. Allerlei Obst findet man auch immer den Weg zu mir, sodaß bei mir "der Magen nicht leer" wird. Ich habe mich überhaupt in Königstein zur Gefräßigkeit entwickelt. - Den ganzen Tag war heut wieder ein beständiges Sausen in der Luft. Oft sind die Flugzeuge so klein
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| wie Mücken und silberweiß, trotzdem hört man sie noch hier unten donnern. Und heut früh kam eines über den Berg direkt auf uns herunter mit so schauerlichem Heulen, daß ich mir lebhaft den Eindruck von Stuka-Angriffen vorstellen konnte. Es flogen dann ganze Reihen [über der Zeile] "Staffeln" direkt über den Häusern hin, daß man Sorge für die Schornsteine bekam. So werden unsre Nerven abgehärtet.
Der Vorstand friert und ist darüber entrüstet. Heute war ich mit ihr in einem berühmten Kaffee an der Heiliggeistkirche: bei der "Zuckertante". Aber ich fand es ziemlich flau. Das Lokal ist ganz hübsch, aber sehr eng und der Kuchen - nicht wie in Königstein! Von Frau Geheimrat Maier bekam ich einen sehr liebenswürdigen Dank für meinen Gruß aus Königstein. Das hat mich wirklich gefreut, denn das hätte ich gar nicht erwartet.
Frau Buttmi war gestern mal wieder zu einem Luftschutzkurs beordert. Ich habe noch
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| nicht gehört, ob sie was dabei gelernt hat. Das ist mal gewiß, daß wir in unserm Haus besonders schlecht besorgt sind.
In den Läden ist nichts mehr zu kaufen, nur in die Apotheke gehe [über der Zeile] ich meist nicht vergeblich. Aber von den Büchern, die ich mir in K. notierte, ist nicht eins zu haben. Wann erscheint denn Dein Goethebuch? Und wieviel wird es kosten?
Bei meinem ersten Besuch war Rösel Hecht so wenig gut gestimmt, daß ich länger nicht hinging. Das hat nun beim letzten Sehen recht gut gewirkt. Mit Walter scheint es aber doch nicht so gut gehen und man spricht davon, daß er wieder umsatteln will. Er scheut das Physikum - aber ob es nur das ist?! Ich fürchte, es fehlt überhaupt die Energie.
Doch nun verläßt sie auch mich und ich will schnell schlafen gehen. Es ist schon 11 Uhr vorbei. Hoffentlich schläfst Du schon nach einem befriedigten Tage und habt ihr den Sonntag wieder zu einem Ausflug benutzen können. Ich grüße Euch herzlich, und Dich noch einmal ganz extra.
Deine Käthe.