Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 9./10. Oktober 1942 (Ober-Dielbach)


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Ober-Dielbach. 9. Okt. 1942
Mein geliebtes Herz!
Statt des erhofften schönen Wetters heult hier der Sturm ums Haus und man wird wohl nicht viel ins Freie kommen. Ich will mich sammeln und womöglich von dem schreiben, was ich in der Zeit vor der Fahrt hierher im Sinn hatte. Das knüpfte sich ja meistens an Deine Festschrift. Aber eigentlich möchte ich erst noch gründlicher lesen, ehe ich von dem rede, wie es auf mich wirkte, vor allem den Faustaufsatz von Flitner. Als erstes berührte mich darin wie ein lieber, unerwarteter Gruß, als ich darin Deine Häkchen fand. Und natürlich suchte ich ganz besonders zu verstehen, warum sie gerade da stehen! - Es ist so schön, wie all die Arbeiten, die ich bisher gelesen habe von den verschiedensten Seiten: in die Tiefe gehen. Und überall klingt doch zum Schluß: "nicht, daß ich es schon ergriffen hätte oder schon vollkommen bin" - -
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| Nun verstehe ich auch in der Gedankenentwicklung auf Seite 85 was wir so kurz und flüchtig in Königstein sprachen und was Du in meiner Auffassung "sich resignieren", (nein "sich begnügen") nanntest): "im Vorgefühl einen Zustand der Befriedigung finden" nennt es Flitner. Es ist nicht ein Genügenlassen an dieser Welt, es ist die Gewißheit, daß in all dem Ungenügen ein höherer Sinn uns führt, daß wir in allem was edel und heilig ist, Berührung gefunden haben mit dem Ewigen. Es ist nicht ein Sein wie Gott, aber Geborgenheit in ihm. Das ist nicht immer selbstverständlich gegenwärtig, aber doch ein Grund, auf dem wir immer wieder Sicherheit finden.
Auch heute in meiner quälenden Unruhe über die Fahrlässigkeit, mit der ich das Päckchen, das mich so eingehend beschäftigt hatte und das mir so am Herzen liegt, fortgehen ließ, bin ich dieser Ruhe recht fern. Aber ich ringe danach, mich zu beherrschen und unsinnige Befürchtungen auszuschalten. Es gibt ja doch
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| nicht nur Unehrliche in der Welt und so hoffe ich, daß meine Sendung heil ankommt. -
Unangenehmes gab es auch sonst in letzter Zeit. Bei meinem Einzug war es vereinbarte Bedingung, daß ein Schrank von mir in der Kammer der Töchter stehen durfte. Jetzt erklärte Herr Dürre, sie wollen ihren verwitweten Schwiegervater zu sich in dieser Kammer aufnehmen, der Schrank müsse raus. Wieder war die gute Frau Buttmi meine Rettung in der Not und wird den Schrank in ihrem Hause unterstellen. Aber es ist für den Gebrauch etwas anderes, ob ich in ein benachbartes Zimmer gehe, oder über die Straße. Auch habe ich vorläufig niemand, der ihn transportiert. Aber das sind wirklich alles Nebensachen!

10. Okt. Es ist wieder sehr schön hier trotz der Herbststürme. Otto sehe ich leider am wenigsten, da er heut zum zweitenmal nach Heidelberg mußte, um sich von Rösel eine abgebrochene Goldkrone in eine "Brücke" verwandeln zu lassen. Er ist ziemlich mißgestimmt, da er die ganzen Ferien über anstrengende Landarbeit machen mußte, und jetzt noch Kisten zusammennageln, Kartoffelsäcke verfrachten usw. Es ist ja als Abwechslung ganz gut, wenn es nicht im Übermaß wäre. - Im Hause ist es aber doch sehr behaglich. Bärbele ist jähzornig, aber schnell umzustimmen,
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| und im ganzen viel folgsamer. Traudel ist lahm, aber sonst geht es nicht schlecht. Und Ursel ist fast den ganzen Tag außer Hause, fährt um 7 Uhr nach Eberbach zur Schule und kommt oft erst um ½ 7 abends wieder. Sie sieht aber wohl und zufrieden aus. - Alle sind sehr liebenswürdig mit mir und man fühlt sich wohl im Familienkreise. Die gute Hausfrau hat mir freiwillig noch Aepfel für Euch angeboten, da habe ich natürlich gern zugegriffen. Sie sind vorhin, Sonnabend um 17 Uhr, in einem Spahnkorb an Susannes Adresse abgegangen. Der Korb wird zurückerbeten. Vermutlich werden sie lange zur Reise brauchen, aber es sind ja Daueräpfel. Ach, wenn ich nur schon wüßte, daß die Briefe bei Dir angekommen sind, aber vor Montag erfahre ich es nicht, denn sonntags kann man nicht mit dem Postauto fahren, der geht nur in der Woche und ist immer unglaublich überfüllt. - Ich bin auch ungeduldig zu erfahren, wie es Gunhild Buttmi geht, sie hat doch Diphteritis. So steht leider die Zeit hier doch unter einem ständigen Druck und ich bin ungeduldig, bis ich von Dir beruhigende Nachricht habe. Es ist schlimm, wenn man mit sich selbst unzufrieden ist und doch weiß, daß es nicht am guten Willen gefehlt hat. - Die Festschrift habe ich mit hier und sie fesselt meine Gedanken, wenn <li. Rand> sie sich in grübelnder Sorge verlieren wollen. Sei innig gegrüßt.
Deine Käthe.