Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 30. Oktober 1942 (Heidelberg)


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Heidelberg. 30 Oktober 1942
Mein geliebtes Herz!
Auch wenn Du nicht schreibst, hätte ich Dir gern längst einmal wieder Nachricht von hier gegeben, aber es ist ja eigentlich gar nichts zu erzählen! Heute nun kam Dein lieber Brief, der mich herzlich erfreute und der im Gegensatz zu meinem unendlich viel zu berichten hat. Daß Du bei dieser ständigen Unruhe, die Dir nicht einmal den Plan zusammenhängender Arbeit gestattet, nicht zum Schreiben kamst, verstehe ich vollkommen. Außerdem aber hatte ich den Verdacht, daß Du über meine Konfusion bei der Abhandlung der Japanerbriefe ärgerlich gewesen wärst. Tatsache dabei ist nun, daß ich keinen Einlieferungszettel bekam und ihn erst vermißte, als ich schon in der Bahn saß. Ich stecke ihn sonst immer sehr sorglich ein, und darum war ich ja so erschrocken, als mir klar wurde, daß das Fräulein mir nur Geld wieder gab, aber keinen Schein, und ich glaubte, es sei nun auch nicht eingeschrieben worden.
Daß diese Besorgnis meine Tage in Dielbach beschattete, war recht bedauerlich. Aber es wäre doch sehr unerwünscht, wenn die Briefe in unrechte Hände kämen. Du kannst sie aber behalten, so lange
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| wie Du sie gebrauchst. Haben sie Dir nicht Freude gemacht in der Vollständigkeit ihrer Berichterstattung? Ich habe mir dieser Tage wieder den Bälz vorgeholt, um mich auch in die Japanatmosphäre zu versetzen und bin wieder sehr gefesselt von der Art, wie der Mann diese Welt sieht. Aber welch anderes Stadium in den politischen Verhältnissen hat er damals angetroffen! Persönlich aber habt Ihr beide mit feinem Takt Beziehung zu dieser fremden Welt gefunden.
Aber auch Deine Freienwaldener Tage hatten einen Haken? Vielleicht warst Du beim Plänemachen in der Minorität? Unser Ziel ist wohl im Grunde das, daß "wir beide wollen, wie Du willst". Denn mir macht es vor allem Freude, wenn Du an Ferientagen mal in voller Freiheit Deinen Wünschen nachgehen kannst. Das genieße ich bei unsern "gewagten" Unternehmungen immer am meisten.
An Meinecke habe ich also heut Nachmittag ein kleines Telegramm geschickt. Eigentlich kennt er mich ja aber garnicht, nur seine Frau habe ich immer gesprochen. - - Wo erscheint der "Philosoph von Sanssouci"? Kann man ihn beim Buchhändler bestellen? - Und das Goethebuch - wie ist Titel und Verlag? - Bitte, gib baldige Antwort!
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Denn ich will und kann es mir ja leisten, Deine Schriften auch zu verschenken, da ich mal wieder etwas verdiene. In der Psychiatrischen Klinik ist eine ganze Reihe von Zeichnungen zu machen, und gestern und vorgestern war ich dazwischen noch in der Augenklinik, wo es einen Augenverletzten gab. - Überall in der Stadt sieht man auch sonst verwundete und kranke Soldaten. Eine große Sorge kam nun gestern; die Frau von Günther Ruge schreibt, er liegt auf einem Hauptverbandplatz, ernstlich verwundet durch Handgranate. Splitter mußten aus der Lunge entfernt werden, außerdem sind beide Beine und der Arm verletzt. Wie schwer, wußte sie selbst noch nicht. Aber er ist nicht transportfähig, doch hofft man ihn nach etwa 8 Tagen in ein Lazarett zu bringen. - Vom 22. Sept. hatte ich noch einen wohlgemuten Brief von ihm, in dem er schreibt: "wenn es nun in absehbarer Zeit mal wieder Urlaub gibt, bin ich restlos glücklich." Möge er diese schwere Schädigung gut überstehen. Er ist ein lieber, herzensguter Mensch.
Gunhild Buttmi hatte sich nicht für Diphterie sondern
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| für Gelbsucht entschieden. Das ist überhaupt jetzt die Modekrankheit. Merkwürdig ist dabei, daß man bei der Behandlung in den Genuß von Fett verbietet, und dabei ist doch gerade Fettmangel schon vorher allgemein. - Es gibt überhaupt allerlei Merkwürdiges. 3 Flaschen Wein habe ich gutwillig bekommen. Wenn Ihr nun für eine Kiste sorgen wolltet, könnte ich 6 für Dich zu Weihnachten schicken. - Tröstlich sind uns 3 Eier verheißen, aber noch sind sie nicht geliefert. Auch andere tröstliche Kunde geht von Mund zu Mund, die aber nur bei den Kritiklosen auf Glauben stößt. - Positiver ist, daß ich vorige Woche auf Pilzsuche war, und ein ganz vorzügliches Essen davon erbeutet habe. Überhaupt esse ich, so viel und so gut wie möglich, und denke dabei an Königstein, wo ich es wieder lernte. Und Frau Oeppinger hat leider wieder einen falschen Moment erwischt? Wie ist doch ihre Adresse?
Draußen tobt der Sturm und jagt die Blätter vor sich her. Noch sind die Wälder hier kaum gefärbt, nur die Roßkastanien sind wie lauter Gold. (Andres bekommt man ja auch nicht zu sehen.)
Man ist in Sorge, was wird die nächste trübe Nachricht sein? Es ist eine Welt voll Leid um uns. - Möge es Dir gut gehen, mein Liebstes, und Du freundlich meiner gedenken.
Immer Deine Käthe.

[li. Rand] In unserm Hause waren ganz heimlich zwei Scharlachkranke: Herr Dürre und das Mädchen von Froelichs. Ich erfuhr es erst jetzt, wo alles vorbei ist!