Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 8. November 1942 (Heidelberg)


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Heidelberg. 8. Nov. 1942.
Mein liebes Herz,
das war heute ein recht monotoner Sonntag; aber ich bin doch zufrieden, denn ich habe eine sehr notwendige Arbeit endlich geschafft. Freilich ein Feiertag war es auf diese Weise nicht! Dafür war es vor acht Tagen umso schöner, da hörte ich - die V. Symphonie von Bruckner, wie sie vom Berliner Philharmonischen Orchester unter Fürtwänglers Direktion gespielt wurde! Ist das nicht fein? Ich kam unvermutet dazu, als Heinrichs ihr Radio anstellten. Es war eine sehr aufregende, erschütternde Musik, mir schien es recht in die gegenwärtige Zeit zu passen. Und die Ausführung war von einer wundervollen Klarheit - ich war ganz erfüllt davon. Aber außerdem bekam man auch den Eindruck, daß
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| man in Berlin ungemein erkältet sei, es war ein mächtiges Husten und Krächzen mitzuhören. - Für den Artikel im Reich danke ich herzlich. Ich hatte zweimal hier ein Exemplar gekauft, vom 25.X. und vom 1.XI., aber in keinem fand ich den Aufsatz von Dir; wohl aber war im letzteren die Sache, die auf der Rückseite des Blattes steht, das Du mir schicktest. Ob man bisweilen nach auswärts gekürzte Exemplare schickt?
- Naturgemäß nimmst Du in Deiner Schilderung vom erwachenden Interesse hauptsächlich Bezug auf die Knaben. Es ist da aber wohl ziemlich viel Ähnliches, denn es ist nicht so sehr aus eigner Wahl als aus erziehlicher Überlieferung, daß man mit Märchenbüchern anfängt. Bei mir war aber dafür eigentlich wenig Sinn, ich hatte leider mehr für die phantastischen Märchen von Andersen übrig als für die Volksmärchen. - Aber ich finde es sehr zutreffend, wie Du die Veränderung des
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| Interesses in den verschiedenen Lebensstufen schilderst, ganz besonders auch die Tatsache, daß man an so vielem vorbeiliest, weil das eigne Leben noch kein Organ dafür ausgebildet hat. Ja, und die "Hineinlesler" - das denke ich in letzter Zeit so oft: ich finde meist in dem was ich lese vor allem das, was auf die Gegenwart und ihre Probleme Bezug hat. -
Doch das ist ja eigentlich recht unwichtig. Aber wovon kann ich erzählen, das wichtig wäre? Meine Tage sind so leer im Vergleich zu den Deinen. Die Stunden gehen rasch und ich bin nicht untätig; aber es kommt nichts dabei heraus. Die Zeichnungen für die Klinik werden in dieser Woche wohl ihr Ende erreichen. Sie werden recht hübsch. Du hast recht, daß oft die Beleuchtung recht ungenügend war, aber es gab auch bessere Tage. Was wir morgens jetzt an Helligkeit gewonnen haben, geht uns abends recht
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| fühlbar ab. Ich habe das Aufstehen jetzt auf ½ 8 angesetzt, denn man braucht sonst zuviel Licht. Mit der Heizung komme ich so leidlich aus, da ich morgens zuhaus nicht zum Stillsitzen komme. Den elektrischen Ofen habe ich noch nicht benutzt. Bei andern Leuten kommt es mir aber immer überheizt vor, besonders beim Vorstand.
Aus München hörte ich noch nichts Näheres, nur, daß Günther ein paar eigenständige Zeilen an seine Frau schickte. Sie schrieb aber ganz zuversichtlich. - Eine gute Nachricht kam von Rösel Hechts Neffen, nachdem sie seit Pfingsten nichts gehört hatten. Er ist von Kairo nach Canada gekommen, ohne unterwegs torpediert zu werden.
Habe Dank für Dein liebes Schreiben vom 4. Nov. und wenn der Aufsatz in der DAZ erscheint, teile ihn mir auch mit. - In der Festschrift bin ich etwas auf einen toten Punkt gekommen Günther und Otto locken mich nicht. Heinrich Scholz ist mir ganz unver<li. Rand S. 4>ständlich, und Wenke etwas undurchsichtig. War er gern in Seefeld? <li. Rand S. 3> Wie konnte Hanna Virchow am 30. vormittags mein Telegramm lesen, das ich erst nachmittags aufgab? -
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Grüße Susanne herzlich und sei selbst gegrüßt mit vielen guten Wünschen von
Deiner Käthe.