Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 15. November 1942 (Heidelberg)


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Heidelberg. 15. Nov. 1942.
Mein geliebtes Herz!
Was wollte ich heute am Sonntag wieder alles tun, und wie wenig ist daraus geworden! Vor allem wollte ich Dir so gern einmal wieder recht in Ruhe schreiben und nun ist es bereits Abend und nichts ist auf dem Papier. Findest Du nicht auch, daß dieses minderwertige, immer wieder andere Briefpapier die ohnehin lahme Schreiblust noch herabsetzt? - Was war nun eigentlich heute?: Erst habe ich unerhört lange geschlafen. Dann war der kurze Vormittag mit Aufräumen und Kochen ausgefüllt. Und nachmittags hatte mich Dr. Henning aufgefordert, bei der früheren Wirtin von Adele Projektionsbilder von seinen wirklich sehr schönen Farbenfotografien mit anzusehen. Natürlich zog sich die Sache mit allen Vorbereitungen recht in die Länge und so kam ich erst zum Nachtessen nach Hause. So ist wieder ein Tag ziemlich unnütz dahingegangen. Denn es ist ja auch mit allen möglichen aesthetischen Genüssen so wie mit dem Lesen: man ist in den verschiedenen Lebenslagen
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| sehr verschieden aufnahmefähig. Augenblicklich bin ich eigentlich in mancher Hinsicht recht unfähig, nur nicht im Essen! Da habe ich mich geradezu zum Vielfraß entwickelt und ich glaube, man ißt sich entschieden eine Magenerweiterung an.
Die Arbeit in der Psychiatrischen hat noch eine weitere Zeichnung erfordert, aber dann denke ich, solls eine Ende haben und ich einmal an all die aufgestaute Hausarbeit kommen. Es ist damit so dumm, daß ich nicht anfangen kann, ehe ich nicht bestimmte Zeit vor mir habe. Im Grunde aber habe ich mir diese Tatsache auch etwas zu nutze gemacht, weil ich keinen Plan hatte. Sehr oft denke ich an den Spruch meiner lieben Großmutter: "morgen, morgen, nur nicht heute, sagen alle faulen Leute!!" - Ich bin aber auch in anderer Hinsicht so lahm, brauche eigentlich zu allem einen Anstoß. Es waren hier schöne Konzerte; aber dazu muß man ein Billet besorgen, kommt bei Dunkelheit heim mit der schauderhaft überfüllten Elektrischen - kurz, es ist besser daheim!
Man hat auch immer so viel zu bedenken, daß man nichts von den spärlichen Berechtigungen verliert. Und so bin ich leider nicht mit der
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| "Kunst der Fuge", sondern mit der Kunst des Hungerns beschäftigt. Gestern aber wars fein! Da traf ich Frau von Schoepffer beim Gemüsekauf, und sie sagte, daß wir nachher gehen könnten, im Walde Pilze zu holen! Und wirklich haben wir noch einige gefunden, obgleich ja die Hauptzeit jetzt vorüber ist. So hatte ich durch einen Spaziergang in den schon recht entblätterten Wald innerhalb einer Stunde ein feines Abendessen erlangt. Das ist zwar billig, aber nur gut, wenn man ordentlich Butter dran wendet! Und die geht dann wieder an anderer Stelle ab.
Wie bist Du denn mit der Berliner Ernährung zufrieden? Und genießt Du sie ohne die Hindernisse, die wir in Königstein hatten? Bei mir ist es damit noch immer wechselnd; mal hier, mal da gibt es Schmerzensstellen. Aber Rösel kann nicht helfen, denn es liegt eben am Magerwerden.
Ja: Rösel! Da ist nun die Sorge um den afrikanischen Neffen vorbei und statt dessen scheint sie um den eignen Sohn umso größer zu werden. Er versagt völlig, klagt über Beschwerden im Kopf, macht unberechenbare Sachen, scheint ganz willensschwach. Augenblicklich hat sie ihn wieder zu einem
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| Arzt im badischen Oberland gebracht, der ein Nervensanatorium hat und zu dem sie großes Vertrauen hat. - Es ist tragisch, daß diese Frau, die so tatkräftig ihre Kinder ganz allein aufgezogen hat, solch vernichtende Enttäuschung erleben muß.
Von unserm Patienten in Rußland hatte ich noch weiter keine Auskunft. Hoffentlich geht die Heilung ohne Zwischenfälle. - Auch der Vorstand ist manchmal recht angegriffen, sodaß man es mit Bedenken sieht. Doch das ist ja kein Wunder mit 86 Jahren und bei den heutigen Verhältnissen. - Vorige Woche las ich in der Bergheimer Straße bei raschen Vorübergehen ein Plakat: Kräftespiel in Ostasien, und dachte zuerst an Fußball oder dergl. Dann sah ich aber, daß es Euer Herbert wäre, der reden sollte und da war ich im Bilde und nahm mir vor hinzugehen. Ich las: am 19. in der alten Aula. Als ich noch einmal die Stunde nachlesen wollte, war der Zettel weg. Ob es vielleicht ein Irrtum war und schon am 9. stattfand? Ich werde der Sache noch nachgehen, denn ich würde doch gern diesen bekannten Unbekannten sehen!
Und jetzt will ich schlafen gehen, denn es ist spät. Ich hoffe, daß Du einen guten Semesteranfang hast und wüßte gern, worüber Du liest.
<li. Rand> Susanne grüße ich und danke für die zurückgesandte Kiste. Ob man da nochmal ein paar Flaschen darin schicken kann?? - Sei innig gegrüßt von Deiner Käthe.
[li. Rand S. 2] Mit Deinem Aufsatz im "Reich" habe ich in meinem Lesekranz große Freude gemacht.
[li. Rand S. 1] In welcher Nr. der D.A.Z. ist Dein Artikel?