Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 22. November 1942 (Heidelberg)


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Heidelberg. 22. Nov. 1942.
Mein geliebtes Herz!
Du hast mich verwöhnt mit zwei lieben Nachrichten nach einander! Ich danke Dir und habe mich sehr gefreut, denn es war doch durchschnittlich Gutes zu berichten. Nur die Magerkeit ist, wenn auch eine allgemeine Zeiterscheinung, nicht gerade erwünscht. Aber ich höre gern, daß auch bei Euch die Ernährung befriedigend war, denn das kann ich ebenso von hier behaupten, mit Ausnahme von Fleisch und Fett, die nun einmal bei unsereinem mit der sitzenden Lebensweise eine Hauptsache sind. Aber am Freitag bekam ich z B. nach Monaten mal wieder Fisch, eine Scholle von 1 <alter Pfundzeichen>, und die habe ich zu Mittag und Abend glatt aufgegessen bis auf die nackten Gräten. Ich hatte sie fein gekocht, wie ich überhaupt viel zu viel Zeit und Gedanken auf diese Dinge verwenden muß. - Mit den
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| Zeichnungen für Prof. Zucker bin ich jetzt also fertig und habe mit den Bildern, die mir selbst gut gefallen, 104 M. verdient, das macht mit den 16 M aus der Augenklinik 120, also etwa eine Monatsausgabe. Man merkt es doch sehr, daß man nebenher so gut wie gar nichts kaufen kann. Jetzt warte ich aber mit dem Bezugsschein für ein Paar Schuhe; und die sollen möglichst gut ausfallen.
Unser Dasein verläuft sonst recht ungestört. Wenn nicht das Bewußtsein von dem, was sonst geschieht, immer gegenwärtig wäre, könnte man sagen: friedlich. Irgendein Bild kommender Möglichkeiten kann ich mir gar nicht machen. Einzelne Symptome tauchen verstohlen auf, die an die Sicherheitsverhältnisse der Siefertzeit erinnern. Aber das ist ja überhaupt der Charakter unserer Zeit und ein Gefühl, an das man sich bewußt gewöhnen muß. Die lange Pause in den Luftangriffen täuscht
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| leicht darüber hinweg.
Ich wollte Dir ja auch noch sagen, was ich da in der Psychiatrischen gezeichnet habe. Es sind Präparate am Mikroskop, ein Pünktchen daraus mit 900-1000facher Vergrößerung. Auf dem Glasplättchen ist ein Tropfen Liquor, der Gehirnflüssigkeit entnommen und zentrifugiert, dann gefärbt und man sieht nun auf dem Glase den Bodensatz, der Zellen enthält. Auf diese kommt es an, denn sie nehmen je nach ihrer Beschaffenheit die Farbe verschieden an. Es sind immer aesthetisch schöne Bilder.
Im übrigen kam ich zu nichts weiter, denn es machte mich in der Tat recht müde. Zum Einschlafen abends ergriff ich ein Buch, das noch von der Tante stammt und von dem ich eigentlich was erwartete: die Kronwächter von A. v. Arnim. Ich sehe aber daran, wie sehr wir von der Zeit der Romantik verschieden sind, denn es scheint mir nur eine Ausgeburt der Phantasie ohne
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| jeden tieferen Sinn. Vielleicht war das zeitentsprechend verständlich, etwa wie uns die Marmorklippen. Aber mir kommt es nur vor wie willkürlich gehäufter Unsinn, auch ohne feinere Psychologie.
Jetzt bekam ich geliehen: Dschinghis Khan von Otto Gmelin und bin gespannt darauf. Die Gespräche am Abend waren doch fein. Nach Fontane strebe ich in meinem Bekanntenkreis vergeblich. Er ist wohl nicht so bekannt in Süddeutschland. Den Stechlin las ich mal mit großem Genuß. Kannst Du mir "Vor dem Sturm" nicht leihen?
Ich wollte, ich könnte hören, was Du mit Meinecke zu reden hast, und worauf sich die Erweckung neuer Kräfte bezieht. Über die Berufszukunft von Günther werden wir uns, wie ich fürchte, keine Gedanken mehr machen müssen. Die Nachricht sagt: "2.XI. Gelbsucht, 7.XI. Rippenfellentzündung, 14.XI. Krakau, 15.XI. Rechte Lunge angegriffen." Möge ein Wunder ihn für Frau und Kind erhalten.
<li. Rand> Nun muß ich gerade mit solch trübem Bericht schließen. Aber draußen <li. Rand S. 3> war es heute klar und sonnig und die Heizung drinnen ausnahmsweise warm. Und so schicke ich Dir viele warme Grüße! Deine Käthe.
<li. Rand S. 2> [] Grüße auch Susanne herzlich.
<li. Rand S. 1>[] Nachher gehe ich bei Heinrichs die Philharmoniker zu hören!