Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 29. November 1942 (Heidelberg)


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Heidelberg. 29.XI.42.
Mein liebstes Herz!
Es hat sich so eingebürgert, daß ich immer erst am Sonntag schreibe, obgleich ja bei mir eigentlich kein zwingender Grund vorliegt, daß es nicht wie sonst am Freitag ginge. Diesmal freilich war ich wirklich verhindert, da ich mit Frau Buttmi in einem Kammermusik-Konzert war. Es war recht hübsch, aber nicht eigentlich fesselnd. - - An diesem gleichen Freitag ist nun, uns im Grunde überraschend, Lulu Jannasch gestorben. Sie war gerade seit 2 Monaten in eine ihr sehr zusagende Pension übergesiedelt, da das Alleinwirtschaften mit ihren 82 Jahren nicht mehr recht ging. Scheinbar fühlte sie sich in der neuen Umgebung recht wohl, vor allem lobte sie ungemein die Verpflegung. Ob nun die Veränderung und etwa die bessere Kost zu schwer für sie war - jedenfalls war sie schon vor kurzem nicht recht wohl und
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| jetzt ist sie ganz rasch einer Darmkrankheit erlegen. – Gleichzeitig erlebte ich nun hier in der Nähe mit Drechslers den Tod der Schwester, der ebenso plötzlich kam und viel zu früh, denn sie war erst 55. Jahre. Während Fräulein Drechsler zur Kur in Wildungen war (Schrumpfniere) - ist die Mutter bei dieser älteren Tochter in Eisenach gewesen und fand sie schon damals sehr bekümmert und mutlos. Durch militärische Umstellung hatte die Frau sehr lange dem Sohn nicht ins Feld schreiben können und litt sehr darunter. "Der Krieg ist an allem schuld" schrieb sie im letzten Brief hierher. In der Familie Drechsler ist solch inniger Zusammenhalt und die arme alte Mutter ist sehr unglücklich. Obgleich sie sehr gute Katholiken sind, habe ich kein Wort religiösen Trostes gehört, nur schmerzliche Klage.
Morgen ist nun die Bestattung von Lulu, und Dienstag die andere. Das wird eine kalte Sache sein, denn wir haben recht naßkaltes Wetter.
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| Der Vorstand ist sehr traurig über den Tod von Lulu Jannasch, denn sie kam bis zuletzt sehr regelmäßig zu ihr. Man kann sich überhaupt eigentlich garnicht vorstellen, daß diese Frau, die immer unterwegs war, nun still liegen soll. - - Die Nächste ist, wie ich fürchte, Frau Wille. Ich traf sie gestern auf der Straße und fand sie schlecht aussehend. Sie klagte auch über Magenverstimmung. - Und die liebe Frau von Schoepffer hat einen hartnäckigen Husten und sieht geisterhaft zart aus - kurz, es ist geradezu ein Siechenhaus um mich.
Da komme ich mir wirklich ganz unerlaubt wohl und robust vor. Die Ernährung ist eben, so weit sie frei käuflich ist, so gut, daß man recht verwöhnt ist. Und ich esse auch so viel Brot und Kartoffeln wie noch nie. Ich wollte nur, es machte sich auch geistig fühlbar, daß es mir so viel besser geht. Aber
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| ich bin nach wie vor lahm und faul, verschiebe, was sich irgend verschieben läßt, und versäume manche Gelegenheit.
Das Buch von Gmelin habe ich gelesen. Es ist - ich möchte sagen - der faustische Mensch im Zustande des Urnebels. Leidenschaft, Machtgier, dunkles Suchen - -
Da bin ich gern davon zur Besinnlichkeit zurückgekehrt, zu Deiner "Psychologie des Glaubens", die ich mit der Erziehung bekommen hatte, einige Tage ehe Deine Sendung kam, für die ich herzlichst danke. Ich habe langsam und sehr aufmerksam gelesen und werde mich weiter ernsthaft damit beschäftigen. Man könnte sagen: sonst gab es eine Rechtfertigung durch den Glauben - dies ist eine Rechtfertigung des Glaubens! Und das Beste ist, wie man fühlt, er ist kein verdienstlicher Wille, er ist Gabe - Gnade.
Und nun gute Nacht, mein geliebtes Herz. Hoffentlich kommen die 4 Flaschen, die ich gestern abschickte, heil an, ohne zu gefrieren. Sei mir innig gegrüßt und grüße auch Susanne vielmals.
<li. Rand>
Deine Käthe.