Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 7. Dezember 1942 (Heidelberg)


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Heidelberg. 7.XII.42.
Mein geliebtes Herz!
Nun ist sogar der Sonntag vorüber, ehe ich Dir schrieb und für den lieben Brief vom 30. dankte! Die ganze Woche war unruhig und anstrengend, Montag und Dienstag die Bestattungen, die recht würdig und mit starker Beteiligung verliefen. Bei Lulu war offiziell das Rote Kreuz vertreten mit Fahne und Ehrenwache. Mittwoch war Weihnachtsbäckerei, Freitag mußte bei 2 Geburtstagen gratuliert werden (Hedwig Mathy und Frl. Drechsler), und am Sonnabend war Glatteis. Da bin ich zweimal hingefallen, das zweite mal recht kräftig. Aber das erstere war schlimmer, denn ich habe dabei die Hälfte der kostbaren Milch verschüttet!! Zum Essen war ich dann bei Rösel, wo Gertrud Kohler zu Besuch war; sie hatte früh bei mir schon Kaffee getrunken, kam unerwartet und brachte mir wieder 2 <altes Pfund-Zeichen> schöne Äpfel. Ich wollte, ich könnte Euch davon
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| abgeben; aber das Schicken lohnt ja nicht. Bei Kohlers geht es allen gut und Otto ist noch nicht einberufen. Möchten sie ihn vergessen, denn aus Rücksicht auf die Schule wird er ja nicht verschont, die spielt ja keine Rolle mehr.
Am Sonntag war dann Konzert von Elly Ney und Hoelscher - wundervoll, ein "Überfluten mit ewiger Schöne". Ich hatte mir einen Platz für 4 M spendiert, und ehe es begann, kam eine feine ältere Dame und bat mich, mit ihr zu tauschen: "sie vertrüge es nicht so vorn zu sitzen!" und so kam ich in die 5. Reihe [über der Zeile] statt 20., wo ich tadellos sah und hörte! Ein seltener Fall, nicht wahr?
Sehr von Herzen erfreut bin ich durch einen zwei Seiten langen, eng geschriebenen Brief von Günther, der sehr glücklich ist, Frau und Kind täglich sehen zu können, die in Prag bei Bekannten wohnen. Seine Wunden seien geheilt, und die Lunge sei auch in Ordnung, wie die Ärzte sagen. Aber im Brustkasten sitzen Splitter, die nicht entfernt werden können und die sich
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| verkapseln sollen. Sie machen ihm Schmerzen und er ist überhaupt sehr schwach. Wenn es eine Möglichkeit geben wird, ihm etwas zu schicken, will ich die eine Schachtel Dextropur an ihn senden. Ich hatte Dir 2 zugedacht, aber ich weiß, Du gönnst ihm eine. - Daß wir uns nicht mit Weihnachtsgeschenken plagen wollen, finde ich sehr vernünftig. Es gibt ja auch in der Tat nichts zu kaufen. Ich wüßte wirklich nicht, woher man etwas beschaffen sollte. Aber wenn Du mir die "Bienen" leihen willst, freut es [über der Zeile] mich sehr; aber bitte erst, wenn Du sie mal 4 Wochen entbehren kannst. Den Fontane bekomme ich bei Schoepffers. Aber Etwas andres erbitte ich: ich schenkte Dir mal "Huttens letzte Tage", und Du besaßest es bereits. Ich aber möchte es sehr gern wieder haben, also sei so gut und schicke es mit den Bienen.
Was mir der Dschingis Khan für einen Eindruck machte? Einen dämonisch gewaltigen,
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| Gmelin schildert Seelenkräfte von vulkanischer Gewalt - jenseits von "Gut und Böse" - die in diesem Menschen verkörpert über die Erde zerstörend hinbrausen. Ein asiatischer Faust, ewig unbefriedigt und doch suchend, weil aber das Band fehlt ins Innere der Welt um ihn, vernichtet er alles. Historisch sollen die Tatsachen getreu sein, und ich glaube, es ist wohl lesenswert. Ich wäre begierig, was Du zu dem Schluß sagst? - -
Was Du von innerer Veränderung schreibst, ist wohl auch mit vom Krieg veranlaßt. Ähnliches empfand ich auch an mir bereits seit längerer Zeit. Man hat einerseit gelernt, daß alles "das Letzte" ist und daß man damit haushalten muß, und andrerseits fragt man sich wieder: verlohnt es sich? Oft fühle ich mich schon sehr von den äußeren Dingen des Lebens gelöst, und dann faßt mich wieder das Grauen vor dem, was vorgeht und was noch kommen kann. Wie wird man sich bewähren, wenn es wirklich kommt?
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Gestern Abend war mal wieder ein kleiner Alarm. Etwa um 8 Uhr kamen sie, warfen eine wohlgezielte Bombe und hinterließen einen großen Brand - etwa in Friedrichsfeld? Ich war beim Abendessen und wollte nicht hungrig in den Keller gehen, als ich dann fertig war, war auch die Sache schon vorbei. Bei dem Angriff auf Stuttgart hörten wir die Geschwader wie Sturmesbrausen über uns hinfliegen und hörten dann, daß vor allem der Bahnhof ganz zerstört sei. Unterdessen war auch noch eine Schießerei an der Bergstraße, bei der es vorgeblich auf Frankfurt abgesehen sein sollte, um statt dessen Jugenheim und Seeheim heimgesucht hätte, außerdem sprach man von Würzburg. Aber Näheres hörte man nicht. Statt dessen erzählt man, daß Buchen im Odenwald unter Quarantäne stehen soll, weil dort eine Typhusepidemie herrscht. So gibt es allerlei Dinge, die an die apokalyptischen Reiter gemahnen.
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Man lebt aber täglich mit großer Selbstverständlichkeit wie immer und plant für den nächsten Tag und die nächsten Wochen. - Mit Freude hörte ich durch die Karte von Susanne, für die ich vielmals danke, daß das Semester erfreulich anfing. Möge es ohne Störung verlaufen! Es ist doch fein, wie Du die Tradition der Universität wahrst; und sogar offiziell wollen sie Dich ein wenig zulassen?! Wann ist denn diese Eröffnung und wer wird da noch sein außer den Rednern?
Du wirst unzufrieden gewesen sein, daß ich trotz Deiner Warnung den Wein schickte. Aber ich kann ihn doch nicht durch die Luft zu Dir hexen und was soll er hier? Ich bin nur froh, daß noch 3 Flaschen heil waren! Es ist ein Elsässer. - -
Nun laß Dir noch gedeihliche Arbeit und ein warmes Zimmer wünschen. Bei mir ist es damit wechselnd. Grüße Susanne herzlich und sei selbst vielmals gegrüßt von
Deiner
Käthe.