Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 14./15. Dezember 1942 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 14.XII.1942.
Mein geliebtes Herz!
Wenigstens einige Zeilen müssen doch heute noch fertig werden, wenns auch schon spät ist. Ein stark beschäftigter Tag liegt hinter mir und ich bin müde. Zudem sitzt mir ein dicker Schnupfen im Kopf, also wirds ja danach ausfallen. Ich habe mir zwar einen Tee gekocht, Brombeer- u. Lindenblüten mit einer Andeutung echten Tee - ob der sehr beleben wird, ist aber die Frage. Hauptsache ist die Wärme, der Geschmack ist ohnehin nicht da, ich könnte auch nur warm Wasser trinken!
Wie immer bin ich mit der Absendung der Päckchen spät dran. Heute ging ein großes Paket nach Stolp, fast alles aus dem Vorhandenen. Aber die Kinder sind doch einmal im Jahr einen Gruß von mir gewöhnt. Dann 2 kleinere an Ruges und Mädi - und das dritte an Euch liegt noch auf dem Tisch und soll morgen früh mit in die Stadt genommen werden. Denn ich werde gehen und nach einem Paar Schuhe für mich suchen, da ich heute endlich den Bezugschein bekam. Es wird ein schönes Zeug sein, was man jetzt bekommt.
[2]
|
Als ich am Freitag ins Landfriedstift kam, hatte der Vorstand gerade einen kleinen Schwächeanfall gehabt. Ich merkte aber gleich, daß es kein Schlag gewesen war; es ist ihr auch oft des morgens recht angegriffen. Im Laufe des Tages ist sie dann wieder ganz munter. - Wie es nun diesmal mit unsrer Weihnachtsfeier sein wird, ist mir noch fraglich. Am besten wird es sein, ich hole sie mir am 23. zum Mittagessen und bringe sie bei Tageslicht wieder zurück. Wenn man nur nicht mit der Elektrischen fahren müßte! Das ist schon allein kein Vergnügen und nun gar mit ihr, die man kaum rein und raus bringt. -
Heute ist nun Vater Buttmi nach Pultava abgereist, gerade am Geburtstag seiner Frau. Da ich ihr sehr verpflichtet bin, habe ich mich entschlossen ihr ein Exemplar der Lebensformen zu schenken, das ich ungebunden besaß. (Ich habe noch die erste, zweite und vierte Auflage.) Diese dritte ist allerdings auf schauderhaftem Papier, aber der Text ist ja davon unberührt! Denke Dir, die Abiturientinnen hier in der Schule haben empfohlen bekommen, das Buch zu lesen. Ob Du jetzt etwa in Mode kommst? Es macht mich bedenklich. Die Art, wie man im Ausland mit Dir Parade macht, gefällt mir nicht. Es könnte zu kritischen Situationen führen. Macht man in Humanitätsideen? Was ist das mit dem italienischen Haus, für das da gesprochen wird? Wir können
[3]
| wie es scheint auch auf dieser Flöte blasen. Wäre es doch eine Friedensschalmei! Aber das ist ja noch nicht möglich. - Zum Thema Abbau schicke ich Dir auch ein paar kleine Ausschnitte mit! von symbolischer Bedeutung.
Es beschäftigt mich, daß Du meinst, für öffentliche Angelegenheiten nicht mehr praktisch zu sein. Das beruht wohl nur auf Mangel an Übung. Auch weißt Du ja, daß die Methoden recht andere geworden sind, und daß man da keinen Ansatzpunkt findet. - Sonderbar war es mir, daß Du Dich weniger opferbereit findest als früher, da ich gerade in den Tagen über das gleiche Thema bei mir nachdachte. Es muß wohl eine Kriegserscheinung sein, d. h. eine Erscheinung dieses Krieges, denn vom vorigen erinnere ich mich nicht, das erlebt zu haben. Eher das Gegenteil - - - Und an mir übst Du Deine Enthaltsamkeit im Schenken nicht. Ich danke Dir herzlich für die 300 M, die Du am 2.XII. an mein Sparbuch überwiesen ließest. Auch von Ruges ist im November Geld gekommen, so daß das Konto jetzt auf 3200 angewachsen ist. Das ist aber doch unnötig viel, und Du kannst mich erst mal wieder abheben lassen, ehe Du was schickst. - Die Weimarer und Frankfurter Papiere, die ich sonst noch habe, sind bereits im Zinsfuß zurückgesetzt! Man hat sie nur gerade noch teuer gekauft!
[4]
|
Daß ich von Günther einen eigenständigen Brief hatte, schrieb ich wohl schon. Von Mädi hörte ich, daß er hofft, Weihnachten nach Haus zu dürfen. Aber ob das möglich ist, scheint mir zweifelhaft. Denn er braucht doch wohl noch Pflege, die man im Privathaushalt nicht bieten kann. - Allerdings hat sich jetzt der Reichtum der Sonderzuteilung über uns ergossen. Hast Du ordentlich Alkohol bekommen? Bei mir ist das braune Kärtchen vorläufig noch unbenutzt. Aber es ist doch ein erfreulicher Zuschuß. Wenn uns unsere lieben Freunde, die Japaner, doch auch mal wieder Reis zukommen ließen!
Doch nun ist schon der nächste Tag angebrochen und ich will rasch den versäumten Schlaf nachholen. Gute Nacht!

15.XII.  Neblig, trübe und undurchsichtig ist die Welt! Wann wird einmal wieder die Sonne scheinen? - Mögest Du Befriedigung bei der Arbeit haben und erfreuliche Eindrücke aus der Hörerschar.
Wer ist denn Frl. Steinbrecher?
Viel innige Grüße!
Deine
Käthe.