Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 27. Dezember 1942 (Heidelberg)


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Heidelberg. 27. Dez. 1942.
Mein geliebtes Herz!
Es schreibt sich auf diesem borstigen Papier besser mit dem Stift, darum verzeih! - Ich habe sehr stille Feiertage und es verlangt mich nach Besuch - da will ich mal ein Weilchen mit Dir verplaudern! Gestern war ich nicht einmal imstande zu lesen, so gern ich wollte, denn es ging mir nicht gut. Am ersten Feiertag hatte ich sehr behagliche Stunden bei Schoepffers und als ich gegen Abend nach Haus kam, fror ich ohne Grund und stellte dann kräftiges Fieber fest. Es geht hier nämlich eine Art Darmgrippe um, die ich wohl irgendwo aufgeschnappt habe. Aspirin, Rizinus und sonstige Gegenmaßnahmen haben gleich geholfen und ich lebe jetzt in der Hauptsache von schwarzem Tee, französischem Rotwein und leichtem Gebäck, so geht es mir schon wesentlich besser. - Schon am Heiligabend war ich so totmüde, daß ich in der Hauptsache froh war, endlich Ruhe zu haben nach all der Hetzerei. - Aber ich war doch noch geistig aufnahmefähig und las mit tiefem Genuß Deinen Artikel in der DAZ, der wieder ein kleines plastisches Kunstwerk ist, in seiner Klarheit und organischen Geschlossenheit.
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Habe Dank für all das schöne "Selbstverfertigte", und ebenso für den lieben Brief. Du weißt ja doch, daß mir das Fest Lieberes nicht bringen kann. Vom Philosophe de Sans-souci habe ich schon zweimal die ersten Abschnitte bis Seite 10 gelesen und mußte dann aber aufhören, weil ich gestern einfach unfähig war, Worte zu deuten. Jetzt aber geht es wieder und ich freue mich darauf als eine Fortsetzung der Feiertage; vielleicht ist es auch Dir gerade in diesen Tagen beschieden, beschauliche Stille zu genießen nach der unglaublichen Unruhe Deines täglichen Lebens. - Ob ich zu Sylvester nach Dielbach fahre, ist mir noch zweifelhaft. Verzichten würde ich sehr ungern, aber natürlich muß ich vorher gesund sein.
Mit dem Vorstand habe ich schon am 23. (wie seit Jahrzehnten) gefeiert, diesmal mit einem Mittagessen. Gleich nach dem Kaffee brachte ich sie dann bei Tageslicht heim und habe sie seitdem nur flüchtig gesehen. - Auch Rösel Hecht habe ich noch in dieser Zeit besucht und einen erschütternden Eindruck mitgenommen. Walter ist im Sanatorium bei Husemann, der Dir vielleicht als Psychiater bekannt ist, und man sucht dort ihm die nicht überwundenen
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| grauenvollen Eindrücke des Krieges abzureagieren. Er war die letzte Zeit schon völlig anormal und tat die selltsamsten Dinge. Die sehr sympathische Gehilfin und Freundin von Rösel, die ich auch gut kenne, sagte mir: "wenn man nicht denken müßte, er sei krank, würde man ihn für ganz schlecht halten". - Es ist so tragisch, daß diese Frau, die so tatkräftig und klar ist, mit ihrer unermüdlichen Arbeit, die oft über ihre Nervenkraft geht, solchen Sohn großziehen mußte. Und dann: unter den heutigen Verhältnissen der Blick in die Zukunft! Möge Rösel ein starker Glaube helfen, der wenigstens nach dem, was sie äußert da zu sein scheint. Du weißt ja in welcher Richtung.
Es hat mir gut getan, daß Du meinst, die kleine Steinbrecher könne bei mir geistige Anregung finden.x [Fuß] x Ich werde mich sehr freuen, wenn sie kommt. Aber nicht ohne <Kopf> vorherige Verabredung. Denn ich selbst habe den Eindruck, daß ich zusehends verstumpfe und meine, Du müßtest das schon an meinen Briefen merken. Auch der Kalender ist diesmal nicht nach meinen Sinn geraten. Äußerlich lag mir eine alte Pergamentschrift vor für die Verzierung, aber innerlich wollte sich nichts gestalten. Ich glaube, ich hätte gern ein Symbol gefunden,
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| für das wundervolle Wort von der "einsamen Stimme". Wie kam Dir nur dies beseelte Wort?
Ob ich es kenne? Es ist eine Stimme ohne Worte - wie oft hat sie in entscheidenden Momenten hellseherisch meine Schritte gelenkt, über meine persönlichen Wünsche hinweg.
Seit draußen die Kinderstimmen schweigen, die tagsüber froh und mißtönig heraufklingen, ist es still wie um Mitternacht - eine ersterbende Welt. Das war wohl auch Dein Eindruck bei der Weihnachtswanderung. Und dann steht vor mir die schöne unbeschwerte Vergangenheit auf, in der mein Vater mit mir jedes Jahr auf den Berliner Weihnachtsmarkt ging: im Lustgarten, auf dem Schloßplatz mit den erleuchteten Buden, den brummenden Waldteufeln, den Knarren und "einen Groschen das Weihnachtsschäfchen"! Es war von Gips mit etwas Watte und Schaumgold mit einem roten Bändchen -
Ja, und jetzt wirst Du genug haben von dem Geplauder und ich will versuchen zu schlafen. Ich wollte, es brächte mir mal wieder einen Traum von Dir! -
Sei innig gegrüßt und laß Dir fürs neue Jahr viel gute, innerlich befriedigte Tage wünschen,
Immer in treuer Liebe
Deine Käthe.

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|[] Nun muß ich doch um das Schicken vom Fontane bitten. Bei Schoepffers sind 5 Bände, aber "Vor dem Sturm" ist nicht dabei.