Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 1. Februar 1943 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 1.Februar 1943.
Mein innig Geliebtes!
Hier ein Bulletin. Die Hauptfrage scheint mir, ob es sich um einen Blasenkatarrh handelt, der in die Höhe gestiegen ist (Kurzrock), oder um eine direkte Nierensache, Vergrößerung rechts (Sauerbruch.) Die Behandlung ist offenbar die gleiche. Das Fieber war vor ca 1 Woche zum 2. Male weg; Mitte der vor. Woche aber stieg es wieder bis morgens 37,7 u. abends 38,8. Da gab K. ein neues, anscheinend stärkeres Mittel in 3 x 3 Dosen. Das Fieber ist nun wieder ganz weg, und ich habe in der letzten Nacht zum 1. Male wohltuenden Schlaf gehabt. Heute ist mir nach wirklicher Besserung, - immer noch nur ein Anfang.
Die fast tägliche Erwartung von Fliegerangriffen hat die Situation nicht gerade erleichtert. Bei dem 2. großen An
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|griff (17.I.) ist [über der Zeile] auch in Dahlem viel Schaden geschehen. Das Zentrum war im Königin-Luisestift (unbewohnbar) und Königin-Luisestr., ferner bei früher Ermans, Frau Wiegandt, Oberin Kundt. - Sus. u. ich waren allein mit der Einquartierung, einer 32jähr. absolut passiven sächsischen Heldenseele, im Keller. Ich hatte damals doch gegen 39°. Verglichen mit dieser schlimmen Nacht war es beinahe erheiternd, als am 30.I. 7 Min. vor 11 (Göringrede) Kleiner Alarm ertönte und dann wieder 10 Min vor 16 (Göbbelsrede.) Im 2. Fall schloß sich gleich lebhaftes Flakschießen an. Nachts hatte Potsdam Alarm, Berlin nicht.
Was nun Dein liebes Angebot betrifft, hierherzukommen, so empfinde ich es mit größter Dankbarkeit. Ich erinnere mich an die Folge 1910, 1916, 1921, 1928. Aber ich denke diesmal
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| so: Mit 71 Jahren sollte man selbst mehr Pflege haben, als Du hast.¹) [re. Rand] ¹) Dich wohl zu wissen, wesentlich mehr als seit Vorweihnachten, gehört zu <Kopf> den Vorbedingungen meiner Seelenruhe u. Genesung Die Vorstellung, daß Du in das gefährliche Berlin kämest, (Zo-Gegend ganz besonders gefährlich) würde mich beunruhigen, statt mir zu nützen. Wir wollen so sagen: Kommt ein Rückfall oder erweist sich diese Krankheit nur als Teil eines größeren Ganzen oder wird die bekannte männl. Altersoperation notwendig, dann wollen wir Dich bitten zu kommen. Vorläufig (da ja Ida "noch" da) geht es. Denn die Fütterungsformen sind eingespielt, und für Schönschriften kommt 2mal wöch. Frau Rosen.
Das Semester abzubrechen habe ich mich (gegen Kurzrocks Meinung) entschlossen. Das gibt schon mehr Ruhe.
Unsre Begegnung male ich mir (trotz der erschütternden Kriegsnachrichten) anders aus. Ich
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| habe Emmy Frommherz gebeten, uns für den Sommer (ca. 31.8.) vorzumerken, und sie hat sehr lebhaft zugesagt, daß sie alle Schwierigkeiten überwinden würde. Ob sich das nun an Wildungen anschließen würde - in solche Bäder kommt jetzt nur der Patient allein - ist noch unsicher.
Außer oft ununterbrochenem Telephonieren kommen recht viele Besucher (und Freundschaftszeichen). Es werden aber nur ganz wenige hereingelassen, höchstens alle 2-3 Tage einer. Auch diese Art des Schreibens strengt mich noch sehr an, und so muß ich Dich um Nachsicht bitten, wenn ich mit herzlichstem Dankesgruß ganz plötzlich abbreche.
Dein
Eduard.