Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 2. März 1943 (Berlin)


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2. März 43 vorm. 10 Uhr.
Mein innig Geliebtes!
Wir alle sind wohlbehalten, und unsre Sachschäden sind maßvoll.
Um 9.40 abends Alarm. Schon eine Viertelstunde später begann ein trommelfeuerartiges Geräusch (Flaksperrgürtel?) Gleich danach das einzelne Flakschießen. Wir waren alle im Keller, 3 Hennings (er muß sofort ins Museum) und wir drei. Detonationen nicht wie bei Sprengbomben, aber ungeheuer häufig. Plötzlich fliegt das kleine Fenster über der Kellertreppe in Scherben die Treppe herunter. Man sieht die Wand des Hertzschen Hauses taghell. Ebenso ist von der Straße her ein weißlicher Schein. Der Rahmen des zertrümmerten Fensters fliegt nach. Zweifel, ob man nachsehen soll. Das Dröhnen und Zischen hält an. Endlich wird es riskiert. Auf dem Absatz der Treppe im 1. Stock schon erheblicher Qualm. Die vortreffliche
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| Ida findet die Brandbombe auf der Treppe, geht ihr mit Sand und Wasser zu leibe. Sie hat sich aber in das Innere der Treppe durchgebohrt. Qualm nimmt natürlich zu. Aber nachdem eine Öffnung durchgestoßen nach unten, gelingt die Bekämpfung. Nun natürlich die Frage, ob in anderen Räumen, z. B. Boden, noch etwas liegt. Es fand sich nichts und war auch nichts. Bei dieser ganzen Aktion ein Umstand, den ich für hoffentlich nicht eintretende Fälle zu beachten bitte: die Frauen wollten durchaus kein Licht machen. Das erschwert das Löschen und ist unsinnig, wenn die ganze Umgegend mit Feuersäulen leuchtet. - Leider war ich sehr untätig, weil ich doch ein unpraktischer Mensch bin und mich niemand vorlassen wollte.
Als das Schießen zu Ende war, konnten wir hinausgehen. In der Nähe brannte am stärksten die Domäne u. dahinterliegende Flak, die an allem mitschuldig. Brüllen der Kühe. Dorthin kam eine Motorspritze. Um den lichterloh brennenden Dachflügel der Post kümmerte sich niemand. Bald begann auch der von uns abgekehrte Flügel des Museums am Dach zu
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| brennen. (Starker Wind von uns nach dieser Seite hin.) Als die Feuerwehr kam, stand fast das ganze Norddach in Flammen. Vom Mittelbau wurde auch das darunter liegende Geschoß auf der Nordseite erfaßt. Bei weiterem Herumgehen konnte man bemerken, daß es in anderen Gegenden [über der Zeile] der Stadt sehr viel schlimmer brannte. Das Lazarett [über der Zeile] bei der kleinen Kirche mußte geräumt werden. In der Gegend des Arndtgymnasiums eine Sprengbombe.
Von Frl. Jung hörten wir telephonisch, daß in Halensee, wo ich nachm. noch General v. Voß (grüner Star operiert!) und Fritz Imhülsen besucht hatte, ein einziges Flammenmeer gewesen sein soll. Sie fuhr nach der Entwarnung pflichttreu und mir imponierend noch nach dem Seminar. Dort nichts. Aber viel Unter den Linden, besonders die Hedwigskirche. Prinz August Wilhelm nahm sie mit ins Niederländische Palais. Soeben war Frau Meinecke da. Bei ihnen selbst nur Dachschäden. In Zehlendorf hat die ganze Siedlung gebrannt, in der Frl. Jung wohnt. Und wie wird es in anderen Gegenden gewesen sein?
Bei uns ist die Bombe sehr harmlos gefallen. Sie hat sich einen Ringkanal am Dachrand der Hertzseite gebahnt. (Bei Hertz 3 Bomben.) Bequemer konnte sie fürs Löschen nicht
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| liegen als auf der Her Treppe. Auf der Hertzseite sind etwa 4-5 kleine Fensterscheiben entzwei. Auf den anderen Seiten keine einzige. Hingegen ist das Dach auf der Küpperseite wieder fast ganz demoliert. Und jetzt gesellt sich zum Sturm Regen.
Der 1. März ist, was wenige wissen, der "Tag der Luftwaffe", so daß Wiederholung heute Abend nicht unbedingt zu erwarten ist. Gestern sagte ich noch: bei diesem Wetter kommen sie nicht. Aber denke daran: es hieß immer: Berlin kommt zuletzt heran! Die Krisis mit Italien scheint unmittelbar vor der Tür. Wir hatten Sonntag klugen Besuch, der durch s. Waschfrau über den Osten Näheres wußte. -
Andere Nachrichten lasse ich heute fort, damit der Brief früh in den Kasten kommt.
Der Dreck im ganzen Hause ist enorm. Aber enorm war auch unser Glück. - Da die Post gebrannt hat, ist vielleicht ein Brief von Dir mindestens verzögert. Sonst war die Bestellung um 9 Uhr da. Das ist auch großartig.
Innige Wünsche und herzliche Grüße von uns beiden.
DeinEduard.

[Fuß] Auf der Straße vor unsrem Hause liegen 3 Bomben der humanen Königsteinssorte. Im Nachbargarten sollen 8 liegen.
[li. Rand S. 2] Die ganze Aktion von dem Alarm bis zum Ende des Schießens hat 1½ Stunden gedauert.