Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 3. März 1943 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 3. März 1943.
Mein innig Geliebtes!
Es scheint mir sehr notwendig, daß Du einmal wieder zum Augenarzt gehst, denn eine Erkältung würde die Augen nicht so stark angreifen, wenn an ihnen selbst alles in Ordnung wäre. Bitte verschiebe das nicht; Du pflegst von anderen in solchen Dingen vorsorgliche "Vernunft" zu erwarten.
Obwohl ich gestern - in der Annahme einer bevorstehenden zweiten Attacke auf Berlin - schon um 9 ins Bett gegangen bin, bin ich doch heute noch ganz zerschlagen und nicht voll arbeitsfähig. Auch jetzt weiß ich ja nur von einigen betroffenen Stadtteilen. Aber das allein genügt, um zu behaupten, daß kein früherer Angriff auf Berlin mit diesem zu vergleichen ist. Die Zerstörungen sind fürchterlich. Ich war vorm. gestern in der Stadt (pflichtmäßig als Seminardirektor.) da war der schlimmste Anblick die Hedwigskirche. Die ganze wundervolle Patinakuppel ist einfach verschwunden. Auf der Südseite der Linden brannte es noch an ver
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|schiedenen Stellen. (Kranzler demoliert, Passage, Hôtel Bristol betroffen etc.) Mehrere Bahnstrecken waren noch gesperrt - so nach Wannsee, Lichterfelde-Ost, nachts auch nach Grunewald, wo die Kirche zerstört sein soll und viele Villen gebrannt haben. Nachm. fuhren wir zu Frankes, die großes Glück gehabt haben. Dicht an ihrem Hause sind 2 Trichter von ca 15 m Durchmesser. Trotzdem waren in ihrer Wohnung nur auf einer Seite die Fenster zertrümmert. Am ganzen Platz waren die Dächer fragmentarisch, wie übrigens ganze Straßenzüge lang; ein Eckhaus war halb zerstört. Wir wollten dann noch Frau Rosen sehen, die ausgeblieben war. Von dem 2stöckigen Doppelhaus, in dem sie wohnt, standen aber nur noch die Umfassungsmauern. (Wir hörten später, daß niemand zu Schaden gekommen ist.) Weitaus am schlimmsten war es am Breitenbachplatz, wo wohl eine Luftmine heruntergegangen ist. Das große Eckhaus war zusammengestürzt. Der Schutt davor war 1-2 Stockwerke hoch. Ich hatte nicht die Kraft, mir das Weitere anzusehen. Sehr ernst soll es in Steglitz, Lichterfelde, Tempelhof gewesen sein. Das wird man ja erst allmählich sehen und erfahren. Viele Telephon
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|anschlüsse sind nicht zu haben.
Jenny Honig fürchtet nicht mit Unrecht, daß Potsdam für den "Tag von Potsdam" aufgespart sei.
Unter diesen Eindrücken - aber auch denen von den Verhandlungen mit Italien und Finnland - hat es mich wenig beunruhigt, daß ein Gewaltakt gegen die "Erziehung" unternommen worden ist. Die Reichspressekammer hat einfach dem Verlage mitgeteilt, daß sie mit den beiden anderen Zeitschriften "NS Bildungswesen" (= NSLB) und "Weltanschauung u. Schule" (= Bäumler) zusammenzulegen und in den Verlag Eher zu überführen sei. Qu. u. M. haben scharf protestiert und ich habe, noch ehe ich ein Telephongespräch mit Wenke hatte, das A.A. um Hilfe gebeten, werde auch noch andere mobilisieren. Bleibt die Zeitschrift nicht selbständig, so lassen W. und ich sie eingehen. Gleichviel! Letzter Akt.
W. hat mir auf m. Bitte einen "hebräischen" Brief über seine am 21.II. mit dem früheren Assistentenanwärter von mir gehabt, der dann in Prag persönlicher Adjutant geworden ist. Sehr aufschlußreich; ich bin leider zu müde zum Abschreiben. Und am 28.II. war der Vetter Fritz Wagner (jetzt in St. Peter = Nordsee) bei uns, der ungeheuer viel wußte.
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| Ein kluger Hund! Alle Marineantwort auf die Frage, wann der Krieg zu Ende sein werde:" 6 Monate nachdem Raeder gegangen ist."
Im Hause sieht es noch schlimm aus. Wir werden auf die notwendigsten Reparaturen lange warten müssen. Anderen geht es ja viel schlimmer. In der Gegend des PFH 300 Obdachlose. Vieles ist überhaupt nicht wieder aufzubauen, mindestens während des Krieges nicht. Und wir waren doch so baulustig. Mit der Hedwigskirche war natürlich das soeben wieder eröffnete Opernhaus gemeint.
Die Mittwochsgesellschaft heute wird verschoben, weil auch Stroux (Lichterfelde) Bombenschaden im Hause hat. Heute Nachm. planen wir, zu Glasenapps zu gehen, die Gottseidank verschont sind. Ich habe in den letzten Tagen (Freitag: Seminar, Sonnabend: Goethegesellschaft, Sonntag: Wagner u. Tee bei Frau Karraß, dann Luftangriff) meinen unvollkommenen Kräftezustand doch noch sehr gemerkt. Jeder Versuch, eine größere Arbeit vorzunehmen, ist bisher gescheitert. Najdanovič hat einmal wieder geschrieben. Feilch. ist in Nordamerika. Nun Schluß für heute und nur noch Dank für Deinen lieben Brief wie die angekündigte, nur im Bruchteil gebilligte Sendung. Sie wird, wie die unsrige, 6 Tage unterwegs sein. Innige Wünsche für Deine Genesung.
Dein Eduard.