Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 3. April 1943 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 3. April 1943.
Mein innig Geliebtes!
An Lili Scheibe habe ich geschrieben, obwohl mit einiger Verspätung. – Pünktlich mit dem 1. April hat hier anderes Wetter eingesetzt, und zwar zeitweise ein solcher Sturm, daß man fürchten mußte, das Haus werde nun auf diese Weise zerstört werden. Einige Sicherheit, daß die anderen Stürmer bei solcher Wetterlage nicht kommen, besteht wohl. Aber am "Tage der Wehrmacht" wird ihnen das bißchen Regen, das jetzt eingesetzt hat, nichts ausmachen. Was jedesmal angerichtet ist, erfährt man spät oder garnicht. Heut vor 1 Woche aber hörten wir deutlich eine Luftmine niedergehen¹). [re. Rand] ¹) U. a. wurde ein fahrender Urlauberzug bei Lichterfelde-O. mit Maschinengewehrfeuer angegriffen. Man spricht von 140 Toten. Ein anderer entgleiste bei Ufastadt in einem Bombentrichter. Sie traf beim Arndtgymnasium 4 Schülerhäuser, die entsetzlich demoliert sind. Es hat auch Tote gegeben. Wachsmuths Haus lag am entgegengesetzten Ende und kam davon. Aber sie haben nun alle Heimschüler nach Hause geschickt.
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Andere traurige Fälle sind uns nahegerückt. Frau Öppinger schrieb, es sei eines Tages ein Telephonanruf von Wiesbaden gekommen, am nächsten Vormittag werde die Oma nach dem Osten abgeholt werden. Diese machte darauf in der Nacht selbst ein Ende – gleichsam unter Assistenz der Tochter. So löste sich dieses Problem, von dem wir bis zuletzt nichts geahnt hatten.
Frau Henning ist, wie Du weißt, von Sauerbruch hier im Hause aufgefordert worden, sich von ihm den Kropf weg operieren zu lassen. Vor ca 14 Tagen ist sie in seine Klinik gegangen. Der Verlauf war alles andere als normal. Tagelang blieb bis gegen 40° Fieber. Vorgestern ist (vom Manne her) eine Bluttransfusion gemacht worden, worauf eine kleine Besserung eingetreten ist. Aber über den Berg ist sie noch nicht. In derselben Klinik liegt Generaloberst Beck, nun planmäßig zum 2. Mal operiert, und außerdem der Sohn von Kayßler. – Den liebenswürdigen, 80 Jahre
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| alten Staatssekretär v. Seefeld haben wir beerdigt.
Das Semester ist offiziell zu Ende. Ich setze aber auf Wunsch die Übungen noch 3 Freitage fort. Gegenstand: Spengler. Eine unbequeme Sache war es, daß ich die Kolleggeldgarantie zurückgeben mußte, woran ich nicht gedacht hatte infolge einer gegenteiligen Äußerung des nie Bescheid wissenden Kurators. Während ich in Japan war, habe ich sie für beide Semester bekommen. Ich hatte aber die 1830 M nicht liquid. Darin sind 430, die ich überhaupt nicht bekommen habe. Aber die Lohnsteuer muß man vom Finanzamt zurückfordern. Die Steuern fressen mich buchstäblich auf.
Die 2 gleichlautenden Vorträge für sämtliche (im ganzen fast 400) Flakoffiziere von Berlin sind angenehm verlaufen. Der inszenierende Hauptmann entpuppte sich als – Pastor in Reinickendorf. Von diesem Luftgaukommando beziehen wir die Luftminen.
Die "Erziehung" ist nun suspendiert, nachdem noch eine lange, aber fruchtlose Unterredung im A.A. stattgefunden hatte. Heute Nachm. kommt
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| Wenke zu mir.
Frl. Jung ist für die Ferien Krankenschwester in Bethanien. Sie nimmt zu viel vor. Von dem Bruder habe ich einen Bericht über seine "Flucht" aus dem Kaukasus gelesen. Kaftan liegt mit Lungenschuß in einem Lazarett bei Dresden.
Mein Befinden ist im ganzen gut. Jedoch bin ich nicht ganz klar darüber, ob nicht lokal doch irgend etwas Bleibendes vorliegt. Deshalb habe ich gezögert, mit Emmy Frommherz in Verbindung zu treten; aber wenn ich in ein Bad müßte, könnte man ja wohl den Termin immer noch abändern. Jedenfalls wäre es gut sich zu melden, und nicht für sehr spät; denn Ende August haben immer die neuen Nachtangriffe wieder angefangen, und dann muß man, wie die Erfahrung lehrt, zu Hause sein. Bis dahin aber kann noch allerhand passieren.
Hast Du das für Dich bestimmte Exemplar unsres Testamentes erhalten, das ich vor 14 Tagen abgeschickt habe? – Genieße die Blütezeit. Es ist ja so ziemlich das einzige Genußreiche, was es noch gibt. Auch hier ist die Natur weiter als je, das Dach aber, trotz vieler Versprechungen, immer <li. Rand> noch nicht weiter. Heute kam eine Karte von Eulenburg aus Pension Woogtal. Ich bin trotz aller Nachtstörungen bei einem großen Ms. Innige Wünsche und <Kopf> herzliche Grüße von uns beiden. Dein Eduard.