Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 13. April 1943 (Berlin/Dahlem)


[1]
|
Dahlem, den 13. April 1943
Mein innig Geliebtes!
Alles Gute, das man einem anderen getan hat, stiftet irgendwann einmal seinen Segen. Du hast mir vor ca 13 Jahren successive die 3 Schwarzwaldromane von Hans Eris Busse geschenkt. Ich lese jetzt jeden Abend vorm Schlafengehen ½ Stunde "Schönes", – so z. B. repetendo oder neu Gottfried Keller. Endlich habe ich nun den 1. Band "Das schlafende Feuer" gelesen, und wenn es auch noch kein ganz weises Werk ist, so hat es mich doch beschäftigt und mir etwas gegeben. Es spielt in der Gegend zwischen Schiltach und St. Georgen. Die weiteren Bände denke ich auch zu lesen.
Sonst sind aber die Abende sehr getrübt. Man geht immer schlafen wie vor dem Jüngsten Gericht. Denn jeden Tag kann es ja weitergehn. Wie – das sieht man auf Spaziergängen in den verschiedensten Stadtgegenden. Um dem Anblick zu entgehen,
[2]
| waren wir am Sonntag im Grunewald. Aber auch dort fanden wir, nicht weit von der Bahn, die Wirkungen einer Sprengbombe, die gegen 40 große Kiefern in der Mitte gekappt hatte.
Etwas Besonderes ist in der letzten Zeit nicht vorgefallen (außer – Tunis und der Notkonferenz!) Ich schreibe jeden Tag an dem Ms. und habe schon 130 Seiten in dem großen Format (dieser Bogen aufgeklappt.) Es ist das beste Mittel, sich ruhig zu machen. Frau Henning fängt an, in der Klinik aufzustehn. B. liegt noch dort nach der planmäßigen 2. Operation. Den Buchhändler Döring haben wir im Lazarett in Tempelhof besucht. Er kann noch nichts sehen. Heute gehe ich zum General v. Voß u. vielleicht noch zu Tigges, der zurückgekehrt ist, weil es in Bremen vielleicht noch schlimmer war als in seiner scheibenlosen Wohnung. Einmal waren wir auch im Neuen GartenMeiereiHonig, gerade bei schneidendem Wind. Morgen muß ich mal Ferien machen; wir wollen mit Sen
[3]
|zoku
nach Strausberg. Es beginnt zu blühen; gestern in Japan, im sonst zerstörten Botanischen Garten war es sehr schön.
Am Sonnabend war der letzte Vortrag der Berliner Goethe-Gesellschaft nebst Hauptversammlung. Der Generalmusikdirektor Beck (Musik-Beck) sprach inhaltlich sehr gut, rednerisch schlecht über "die Kunst des Dirigierens." Gestern hat er uns seine als Ballettmeisterin in Hannover lebende Frau vorgestellt. Am Sonntag kam ein sehr sympathischer junger Doktor (Soldat) aus Ägina mit Grüßen von Louva[über der Zeile] ris, der ein griechisches Buch über Rilke geschrieben hat und seit wenigen Tagen leider wieder Minister ist. Es gab ein ernstes, inhaltsreiches Gespräch des Verständnisses.
Kaffeekanne – wie heißt: gefallen? Man nimmt begierig, was zu haben ist, und das Objekt hat sich schon mehrfach als nützlich erwiesen, so in den letzten Tagen bei den Dachdeckern. Denn unser Dach ist endlich repariert. Ich danke Dir, daß Du mir "stunden" willst. Es sind einige Honorare zu
[4]
| erwarten, die die Kasse wieder ins Gleichgewicht bringen würden. Aber – die Steuern sollen erhöht werden! Die Weinkiste werden wir einmal senden.
Gesundheitlich geht es gut; natürlich muß man täglich mindestens 1 Stunde von der Arbeit abziehen, wie es die Handwerker praktisch auch machen.
Ich werde nun einmal an Emmy schreiben. Glückt es nicht, so schadet es auch nicht. Der Krieg hat dort begonnen; er kann auch dort enden. Hoffentlich bleibt dann¹) [re. Rand] ¹) falls wir auf der Reichenau sind Einquartierung bei uns, damit ein Mann im Hause ist.
Morgen in 3 Wochen beginnt schon wieder das Semester. Ich merke die Unterbrechung weniger, weil ich bis jetzt jeden Freitag noch das freiwillige Spenglerseminar habe. Dort ist auch die Tochter von Prof. Klingler (Quartett), der uns auf sein Gut in der Altmark eingeladen hat, was jetzt natürlich wegen der möglichen Angriffe abgelehnt werden müßte.
Hast Du die Blütenzeit genossen? Wie steht‘s im Freundeskreise? – Alle guten warmen Wünsche von uns beiden und innige Grüße! Dein
Eduard.

[li. Rand] Prof. Ritter, Freiburg, der uns auf der Reichenau einmal ansprach, unser bester lebender Historiker, der auch ein Buch über F. d. G. geschrieben hat, hat den Ph. v. S. sehr gerühmt. Es ist auch <Kopf> historisch meine beste Leistung.