Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 8. Mai 1943 (Berlin/Dahlem)


[1]
|
Dahlem, den 8. Mai 1943.
Mein innig Geliebtes!
Dein lieber Brief vom 5. Mai ließ mich die Ostertage nachträglich mit Dir gemeinsam erleben. Es ist mir nicht leicht geworden, daß ich auf dem Wege nach Neckargemünd nicht dabei sein konnte. Ich muß oft sehr gegen die Sehnsucht nach Heidelberg (natürlich nur nach dem Ort!) kämpfen. Das Leben wird doch immer enger; es schnürt sich geradezu um uns wie eine Schlinge.
Wenn ich nur die Akademiemitglieder ansehe, so drängt sich auf: diese Leute sind nun durch den Krieg großenteils verbraucht. Sie sterben dann auch wie die Fliegen. Heute waren wir zur Trauerfeier für Schwyzer. (Prostataoperation, dann Embolie.) Schon vorher
[2]
| aber war die Nachricht gekommen, daß Lüders in Badenweiler gestorben ist. Ich bin in der Fakultät dem Dienstalter nach schon der fünfte! 1920 wäre ich es mit 61 Jahren nicht gewesen. Auch mir geht es nicht besonders. Ich reiche kaum mit der Kraft für das Semester aus. In jeder der beiden Vorlesungen waren 300 Hörer; im Seminar bis jetzt 33. Ich entfalte noch in den 2 aufeinanderfolgenden Stunden eine große Kraft; aber hinterher bin ich eigentlich erledigt.
Nach der Schwyzerbestattung fuhr ich heute allein zum Marienfriedhof, war am schön mit Stiefmütterchen besetzten Hügel Deines Vaters (1944 = 100 Jahre), bei den 3 Scholzens und an den leeren Stellen, wo meine Verwandten lagen. Dann ging ich durch die Friedensstraße zum Friedrichshain, der einst wegen des Flieders berühmt war. Nichts davon war mehr zu
[3]
| sehen, nicht einmal Grünflächen. Nur 2 Flakburgen und wüste Sandhaufen. Ein Symbol für 10 Jahre der Verwüstung. So ist es an 1000 Stellen.
„Auch der Krieg hat sein Gutes“. Ich werde zu Hause viel besser behandelt als früher; wir empfinden wohl das Leben als ein schnell kündbares Gnadengeschenk. So wird es nach innen hin viel leuchtender und schöner.
Viel Besuch hatten wir nicht. Mittwoch war Mi-Gesellschaft ohne Beck u. ohne Sauerbruch – 10 Leute; trotzdem gehaltvoll. Tags darauf kam der Gieshofer Vetter, der immer viel weiß:
Auch andere sind mit ihrer Kraft zu Ende und können nur durch Spritzen aufrecht gehalten werden.
Merkwürdig war ein Zusammensein neulich mit dem Vetter v. Göring und dem Bruder von Himmler. In dem Urteil waren wir ganz einig. –  –
[4]
|
Militär sagt, Berlin sei jetzt viel besser geschützt, und deshalb sei vorläufig nichts zu befürchten. Hoffentlich keine Wiederholung des Leichtsinns vom 1. März.
Erika kam unerwartet. In Hamburg zu leben, ist kein Genuß, zumal wenn Kinder am Blinddarm operiert werden müssen.
Ich werde am 20.V. im Auslands-Presse-Klub über Goethe reden, leider erst um ½ 10. Der Gesandte Schmidt (der Vielsprachige von Godesberg) will mich kennen lernen. Der Wind weht manchmal jetzt auffällig aus anderen Richtungen. Helmuth Hertz ist in Tunis dabei. Ist er noch?
Niedlich ist das von der Blumen-Marie. Aber der Mangel wird noch so weit gehen, daß man es nicht mehr braucht, wie Ludwig und ich 1908 in Tegernsee festzustellen glaubten, daß man nur trinke, nicht esse, incl. die Hunde.
Ich kann auf diesem elenden Block, der nichts abzulösen gestattet, nicht mehr schreiben. [unter der Zeile] wenden!
[5]
|
Ich füge nur noch hinzu, das Emmy bisher nicht geantwortet hat. Mir ist auch eine Pension in Schönwald empfohlen worden. Vorläufig warte ich noch.
Innigstes Gedenken
Deines
Eduard.

Frl. v. Kuhlwein steht vor einer ernsten Operation. – Es ist doch offenkundiger Unsinn, wenn gesagt wird, daß die Italiener ihre Truppen aus Griechenland zurückziehen und wir aus Italien. Daß Louvaris Minister ist, schrieb ich wohl schon.
Vom Erdbeben ist hier nichts bemerkt worden. Aber es ist ja ein merkwürdiger Sommer. Oft habe ich nach Japan erzählt, daß das stärkste Erdbeben, das ich erlebt habe, das zu Neujahr (1931?) in Heidelberg war. Die Lateiner nennen das portenta – Vorzeichen.