Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 24. Mai 1943 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 24. Mai 43.
Mein innig Geliebtes!
Der Anfang Deines lieben Briefes, in dem Du uns noch die Prognose von künftigen (kleinen!) Wanderungen stellst, hat mich getröstet. Es ist jetzt so wenig dran am Leben, daß man meint, es könne nur noch dunkler werden. Ich sehe jedenfalls nirgendwo einen erträglichen Zukunftsschimmer; er müßte sich sehr sorgfältig verbergen!
Selbst Dein etwaiges Hierherkommen erscheint mir in zweiseitigem Licht. Was ich neulich über "besser geschützt" schrieb, hat die gleiche (maßgebliche) Stelle inzwischen schon wiederrufen. In der letzten Woche hatten wir 4mal Alarm; es war allerdings unerheblicher Anlaß. Im übrigen scheinst Du mir in Gefahr, ähnlich wie einst Felizitas, den Ferienmenschen und den Arbeitsmenschen nicht genügend auseinanderzuhalten. Während des Berliner Semesters ist es immer schwer gewesen, freie oder gar unbeschwerte Zeit aufzubringen.
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| Du bist nur selten während des Semesters hier gewesen. Deshalb sagst Du, Deine Anwesenheit sei dann "störend", – was Du bei Carl Ruge nicht sagen würdest, weil er eben nicht zu Hause ist, wenn er zu tun hat, während ich auch zu Hause zu tun habe. Im vorigen Sommer war es besonders schlimm wegen des Hegelkollegs und der Geburtstagsdanksagungen. Dies Jahr sind die Kräfte wesentlich geringer, die Belastung also gleich. Und ich bin immer vom schlechtem Gewissen geplagt, wenn ich die Zeit nicht ausnütze. Auf Reisen ist es anders. Böswillig ist, wer deshalb sagt, er sei störend; die Pflicht ist störend.
Deinen aus besten Motiven entsprungenem Wunsch, die Kiste wiederzuhaben, habe ich damals gleich Susanne mitgeteilt. Lange Zeit (bis heute) wurde Leergut von der Bahn nicht angenommen. Sie hat sich erst jetzt besonnen, daß diese Kiste ja mit der Post gehen konnte. Auch hier liegt kein schlechter Wille vor – ich habe nur manchmal etwas mehr im Kopf zu behalten, als hineinpaßt.
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Man behauptet, die Fahrpreise würden vom Juni (?) an verdoppelt. Daß würde heißen, daß die Reise für 2 Personen II. Klasse BerlinKonstanz hin u. zurück 400 M kosten würde. Wir haben den Boden gegen Feuerfangen bespritzen lassen – (halb) müssen. Kostenpunkt 228 M. So geht es fort. Es droht nun auch, daß Ida eingezogen wird, oder als Ersatz Susanne. Das Verhältnis zu "unten" ist aus bestimmten Grunde jetzt schlecht. – Frau H. hat während der Operation Scharlach gehabt, gestand mir S. am letzten Mittwoch, der wieder recht belebend war.
Meine Vorlesungen: Mi 9–11 Geschichte der Ethik seit 1700. So 9–11 Grundfragen der Pädagogik. Frei. 16–18 Übungen über Pestalozzi. Ich träume mich – nicht ganz ungern, – zur Mädchenschule zurück. Gestern war ich allein in Schönholz, ging bis in den Brosepark und fuhr via Dein Elternhaus – Pankow zurück.
Am Dienstag haben wir den aufrichtig beweinten Kaftan beerdigt. Der Pastor sprach schauerlich; sprach mich auch noch an. Die braunen Gewaltigen blieben vor der Kapelle sitzen. Am Donnerstag um 21,40 sprach ich im Auslands-Presse-Klub über "Goethes a Weltanschauung",
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| womit ich mir wieder zu viel Mühe gemacht hatte. Alte Bekannte vom auswärtigen Dienst gesehen. Ein Herr vom A.A. nahm uns im Auto mit. 25 Min. nach Heimkehr kam der Alarm. Sonnabend waren wir via Rehbrücke in Potsdam. Die Jenny ist doch der gütigste Mensch. Bei uns hat sich das jetzt erst durchgearbeitet – dies meinte ich neulich. Heute war Festsitzung der Wehrwiss. Gesellschaft (v. Cochenhausen.) v. Dirksen sprach über die Unvermeidlichkeit des russ. Krieges, formal gut, inhaltlich ganz leer. Morgen ist Sitzung des Kuratoriums vom Japaninstitut. Die Japaner scheinen sich enttäuscht zurückgezogen zu haben. Selbst bei Senzoku merkt man etwas davon. Am Donnerstag will ich mich mit Litt in Wittenberg treffen. Das Technische daran steht wie ein Berg vor mir.
Wegen der alten Frau Drechsler sehe ich schwarz. Wo sollen die Kräfte zur Erholung herkommen? Die Operation von Frl. v. Kuhlwein ist normal verlaufen; sie wird sich aber nicht schonen; deshalb bin ich auch da in Sorge. Sorgen ringsum. Ich kann nur wiederholen: einen rationalen Weg zur Besserung sehe ich nicht. Kann man ein Wunder hoffen? Verdienen wir es?
Einladung zur Gründung einer Goethe-G. in Straßburg u. zur Hölderlinfeier in Tübingen etc. mußte ich ablehnen. Ich arbeite durchaus mit keinerlei <li. Rand> Überschuß. Es langt, – nicht mehr. Mögest Du zuversichtlicher u. also auch kräftiger sein. Innige Grüße Dein Eduard.
[Kopf] Meine Uhr geht wieder, aber noch immer täglich 1½ Min. nach.