Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 5./6. Juni 1943 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, 5. Juni 1943.
Mein innig Geliebtes!
Am 3. Juni habe ich im stillen mit Dir den Gedenktag gefeiert. –
Vor etwa 3 Tagen kamen die Flaschen wohlbehalten hier an. Du hast Dir viel Mühe damit gemacht; ich danke herzlich. Verstohlen muß ich Dir gestehen, daß ich dank freundlicher Hilfe von auswärts jetzt recht viel Wein bekommen habe. Hingegen wird der Zigarrenvorrat Anfang Juli wohl endgiltig zu Ende sein.
In der heute endenden Woche habe ich ziemlich zerstreut gelebt. Die Arbeitskraft reicht nämlich nur wenig über die Vorlesungen hinaus. Am Sonntag machten wir einen Teilnahmebesuch bei Frau Lüders. Nachm. war der tüchtige Kollege Bollnow da, der jetzt in Jüterbog Soldat ist, nachher Hedwig Koch und noch jemand mit beunruhigenden Nachrichten über die Zukunft des Luftkrieges, nach denen es ratsam sein wird, im Juni und Juli nicht nach Berlin zu kommen. Es waren aber z. T. nur Konjekturen. Montag Vorm. besuchte ich
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| den Generaloberst Beck in der Charité, wo er nun schon 3 Monate ist. S. sagt, es sei noch ein "Schönheitsfehler" zurückgeblieben. Dienstag war ich in einem italienischen Kreise mit angenehmen Leuten. Mittwoch zur M.-Gesellschaft bei Popitz; beide Male hatte ich sehr inhaltreiche Gespräche mit dem geistvollen Botschafter v. Hassell. Übereinstimmung, bis auf den Süden, wo er ein Abspringen jetzt für schwer tunlich hält. Donnerstag war ich bei den Rumänen. Dort gab es außer einem guten Vortrag ein üppiges Essen mit schweren Weinen. Heute führten wir Frl. Dr. Jung nach Tegel, Tegelort, Saatwinkel. Es ist vielfach schwül und gewittrig. Die alten Erinnerungen an Tegel haben etwas Wehmütiges.
Von morgen an habe ich dicke eine Dissertation zu erledigen. Dienstag psychologische Prüfungen. Am 17. Juni soll ich beim Essen der Deutschen Akademie im Kaiserhof mal wieder eine kleine Aussprache über Japan halten. An dem jap. Buch ist noch nichts getan. Aber der Nishida ist nun endlich heraus.
An die Aufsätze über den Glauben
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| und "Selbsterziehung" hat sich eine lebhafte Korrespondenz angeknüpft.
Von dem Treffen mit Litt in Wittenberg am 27.V. habe ich auch noch nicht berichtet. Die Fahrten gingen ganz erträglich. Wir waren jenseits der Elbe in einem Walde, wo ich zuletzt 1912 mit den Böhmschen Schülerinnen gewesen war. Was liegt alles dazwischen, und wie fern ist das alles schon! L. war noch pessimistischer als sonst. Wegen eines Bauchwehs mußte er 2 Stunden früher zurückfahren, als geplant. Ich blieb dann noch in trüber Regenstimmung auf dem alten Kirchhof, wo eine Tochter von Luther liegt.
Ich habe am 10. Juni einen erleichterten Steuertermin, da die Einnahmen sich gegenüber denen von 1941 stark gesenkt haben. So geht an Dich jetzt eine Abschlagszahlung von 220 M ab. Felizitas hat endlich – nach mehr als 7 Jahren – ihre Angelegenheit auch endgiltig reguliert.
Bei dem Angriff auf Wuppertal, der sehr schwer gewesen sein muß, hat mein 76-jähriger Bekannter Malthan dort alles
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| verloren. Ich bin in Sorge um die Schwägerin v. Tigges dort. Er selbst hat sich in Wildbad schwer erkältet. Lauter Elend mit den alten Leuten. H. E. Busse hat mir seinen neuesten Roman gesandt, der in der Hohentwielgegend spielt. Ich habe allerhand von Keller u. Gotthelf gelesen, bin jetzt bei modernen japanischen Novellen, die ich im Austausch von Donat erhalten habe.
Der Stand der Dinge jetzt bedingt ein unheimliches Warten. Die Annäherung von der anderen Seite wird immer spürbarer – ein deutliches Symptom!
Wenn Du ohne Mühe noch etwas Wein bekommen kannst, und ihn zunächst aufheben kannst, zögere nicht. Deutscher Rotwein ist nicht besonders gesund, aber in der Not säuft ...............
Es ist nicht viel mit mir los. Ich trage dem Rechnung durch eingeschränkte Kraftausgabe. Wofür man sich schont, ist allerdings höchst problematisch. Um so größer ist die Freude am Vogelsingen u. an manchen jungen Menschen. Man stellt sich eben um und schöpft besonders aus dem Reich der Erinnerung, was immer heißt: aus dem Rückgang in die <li. Rand> uns beiden gemeinsame Welt. Wie das mit der Reichenau gehen soll, sehe ich noch nicht.
Idas Bleiben ist unsicher. Wir haben eine weibliche militär. Einquartierung. Wer würde im Hause sein, wenn es dann noch unruhige Nächte gibt? Für heute: gute Nacht!

<re. Rand> 6.6.  Wir gehen heute Vorm. zu einer Vorlesung v. Kayßler. Ich trage noch nach, daß Wenke Ordinarius geworden ist. Innigste Grüße Dein Eduard.
[Kopf] Im Namen Susannes herzl. Dank für Briefchen.