Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 20. Juni 1943 (Berlin/Dahlem)


[1]
|
Dahlem, den 20. Juni 1943
Mein innig Geliebtes!
Die Pause war ein bißchen groß. Du hast nicht einmal einen richtigen Pfingstbrief erhalten. Aber ich muß jetzt die gesamte, keineswegs kriegsmäßig verkleinerte Post mit der Hand erledigen. Da auch sonst viel Arbeit vorlag und wir in der abgelaufenen Woche 4mal Nachtalarm hatten (ohne Ereignisse),x) [li. Rand] x) Heute um 2 Uhr wieder 1 Stunde lang. 21.6. reichte die Kraft zu einem Brief nicht aus.
Am Donnerstag, 17.6. ist Dein Pfingstpäckchen angekommen. Susanne hat sich über den Radieschensamen gefreut, ich über Dextropur und Bromural. Das beigefügte Naturgebäude ist ja erstaunlich; ich habe so etwas noch nie gesehen. Aber "ich will auch garnicht wissen, wie das ist." Die zugehörigen Tiere haben nicht meine Sympathie. Willst Du den Greuel wiederhaben? – Für das andere herzlichen Dank!
[2]
|
Viel Mühe und Nerven hat der Vortrag am 17.6. im Kaiserhof über "Eindrücke von Japan" gekostet. Erstaunlich, daß der Staatssekretär von G-s, Gutterer, gerade mich dazu eingeladen hat. Ich saß neben ihm und dem R-minister Dorpmüller. Höchstens mit dem letzteren war ein Wort zureden (Angriffe auf Eisenbahnen im Westen.) Sonst saßen Parteigrößen in full Dress am Tisch. Es gab einen Bohnenfraß, den man nicht essen konnte, wenn man gleich hinterher am "Original-Führerpult" zu reden hatte. Der Vortrag hat allgemein sehr interessiert; nur mußte ich furchtbar jagen und habe doch 40 statt 30 Min. gesprochen. Hinterher hatte ich Doktorexamen und Fakultätssitzung – auch kein Genuß.
Sonst habe ich Imhülsens besucht. Er verfällt sichtlich. Auch bei Frau Petersen waren wir. Pfingsten war langweilig. Sonntag waren wir in Potsdam, wo man nichts mehr reden kann, weil er vom Stand der Dinge nichts mehr hören will. Montag war Frau Biermann bei uns, immer tapfer. Das Wetter war schlecht. In den letzten Tagen
[3]
| morgens 9°R, viel Regen und lastende Dunkelheit. Heut wurde es besser. Wachsmuth und Bork waren da.
Was man über die voraussichtliche Entwicklung des Luftkrieges hört, ist so, daß eine Zureise nach Berlin, wenn Du mir nicht Schmerz bereiten willst, nicht in Frage kommen kann. Es ist genug, wenn diejenigen, die es müssen, sich der Nervenprobe schon dieser Erwartung unterziehen. Man steht doch jedesmal mit dem Gefühl auf: in ½ Stunde kann alles zu Ende sein. Für die "geplante" Reise käme die Zeit um den 20.–24. August in Frage. Mehr als 20 Erholungstage sind nicht erlaubt; auch diese nur, wenn man über 50 ist.
Der neue Roman von H. E. Busse "Erdgeist" entpuppt sich als eine sehr langatmige (600 S.) Sage um den Poppele v. Hohenkrähen. Einzelne Partien sind hübsch, und ich bin gern in Gedanken im Hegau. Denn ob wir ihn mit Augen sehen werden, ist mir begründetermaßen zweifelhaft.
[4]
|
Mittwoch war die M.-Gesellschaft bei Fechter am Ende der Welt. Es war nicht viel los. Ich ging früh fort und noch in der Dämmerung ½ Stunde über freies Feld. Eine gerupfte Landschaft, in der nur noch Ostiaken wohnen.
Für die nächste Zeit liegt außer verabredeten Besprechungen nicht viel vor. Am 27.6. wollen die Potsdamer in 2 Lieferungen 1 + 3 kommen. Frl. Wingeleit kann nicht mehr ausgehn. Es sind höchstens noch Kl. Rauhut und Klaus Wallner zu erwarten, dessen Vater nach Bordeaux versetzt ist.
Hoffentlich kannst Du in den langen Tagen noch ein paar hübsche Spaziergänge machen. Von der beiliegenden Karte habe ich nicht viel herausbekommen. Zu alt zu werden, ist auch nicht wünschenswert. Aber Meinecke ist sehr munter und immer der Lichtblick meiner Wochen. Innige Wünsche und Grüße von uns beiden
Dein Eduard.

[li. Rand] Die Zigarren reichen nur noch bis Ende des Monats.
[re. Rand] Film Paracelsus gestern – wegen Regenwetter – miserabel.