Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 29. Juni 1943 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 29.6.43.
Mein innig Geliebtes!
Das schöne Backwerk ist pünktlich zum 27.6. eingetroffen und mit dankbarer Freude begrüßt, bzw. geprobt worden. Dein Brief vom 25.6. muß sich irgendwo verfangen haben; denn er kam erst heute. Deine tägliche Existenz spielt zwischen Zeichnen, Obst und Besorgungen; meine zwischen Vorbereitungen und endlosem Briefschreiben. Zu etwas Eigentlichem reicht es nicht; in den letzten Tagen hatte ich allerhand Anwandlungen von Schwäche. Dazu hat allerdings beigetragen, daß ich am Abend des 26.VI. endlich – nach 10 Jahren – das mir letztwillig vermachte Tagebuch von Dora Thümmel gelesen habe. Es griff mich auch jetzt noch sehr an, zumal ich da in ein tragisches Schicksal verflochten war. Ich habe nicht die Gabe, nachträglich nur das Lichte, Schöne daran zu sehen: "Wer lebt, hilft töten."
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Am Freitag vor dem Seminar war am Dahlemer Waldfriedhof eine Trauerfeier für Lüders. Der Tag wurde dadurch recht anstrengend. Das Seminar geht ohnehin schwerfällig von statten. Morgen ist Mi.-Ge. bei Heisenberg im Harnackhaus, Donnerstag öfftl. Leibnizsitzung in Anwesenheit von Rust und dem rumänischen Kultusminister Petrovici. Sonntag halte ich einen heute noch nicht angefangenen Vortrag im Pestalozzi-Fröbelhaus. (Altes Servitut.)
Eine Familie möchte ich nicht gern im Hause haben. Allenfalls würde ich einen Studenten suchen. Aber das läßt sich ja noch garnicht übersehen. Ich halte mich trotzdem an Dein Wort bezüglich der Reichenau: "Hoffnung läßt nicht zuschanden werden." Denn ich hänge sehr an dieser Hoffnung, und wenn ich nur auf meinen inneren und äußeren Zustand sähe, wäre es auch unter diesem Gesichtspunkt dringend nötig.
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Blumen, Weinflaschen, Zigarren – auch Niedliches und Nützliches – stehen reich auf m. Geburtstagstisch. Die Güte und Treue der Menschen tut wohl; aber der Hintergrund ist zu dunkel zum Freuen. – Von dem Neffen Dieter, der seit einiger Zeit gegen London flog, ist 4 Wochen lang keine Nachricht gekommen. Was man vom Westen hört, ist unerträglich. Auch Münster war wieder an der Reihe. (H. Scholz.)
Am Vorm. des 27. kamen Frl. Rauhut, Wachsmuth, Frau Petersen, Pfarrer Reimesch, Hedwig Koch, [über der Zeile] Senzokux) [li. Rand] x) langes Glückwunschtelegramm von Kotsuka., 3 nette Studentinnen und ein Student, von dem ich während des ganzen Besuches nicht wußte, wer er war. (Ich hatte ihn nur einmal gesehen.) Mittags aß Hans Honig bei uns. Nachm. saßen wir mit Jenny und Sabine im Garten, was wegen der anhaltenden Kühle selten geschieht. – Mit Hennings erfolgte eine Aussprache u. Aussöhnung, eine Erleichterung für beide Teile. – Erst Montag Nachm. kam Frl. Dr. Jung.
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Die Beantwortung von mehr als 100 Glückwünschen liegt wie ein Berg vor mir; eigentlich liegt alles wie ein Berg vor mir. Unter diesen Briefen ist auch nicht einer in humoristischen Ton wie sonst mancher. Im großen Geschehen aber rückt und rührt sich nichts.
Sehr seltsam, wenn man sich dann in Tagebuchblättern von 1909/11 gespiegelt findet. Ist man noch in derselben Welt? Auch damals war schon viel Leid, aber eigentlich nur privates. Die Weltenlasten brauchte man noch nicht zu tragen.
Mit dem "Erdgeist" bin ich fertig. Sehr hübsch, wenn es nicht mit Wotanischer Weltanschauung (dem Poppele ausgerechnet) angerührt wäre. Darüber habe ich mich zurückhaltend geäußert. Die Leute fühlen christlich und denken – mit Extrastolz – heidnisch.
Ich wünsche Dir gute, ruhige, nicht zu anstrengende Tage. Und noch einmal Dank für alle Liebe im Kleinen wie im Großen. Dein
Eduard.

[li. Rand] Das schon etwas ramponierte Wespennest soll nicht zurück?
[re. Rand] Immer kalt u. trotzdem Gewitterregen!
Ich schreibe fürs Ausland, da Erziehung †. Eben habe ich einen Aufsatz nach Budapest gesandt.