Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 18. Juli 1943 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 18. Juli 43.
Mein innig Geliebtes!
Es ist heute so ein Sonntag mit dem "toten Punkt", der immer einmal kommt und manchmal wohl auch mit einer Infektion zusammenhängt, die in einem rumort. Ob ich also etwas Gescheites schreiben werde, ist mir sehr zweifelhaft.
Zunächst: die Sendung Stachelbeeren ist gut hier angekommen und gleich bearbeitet worden. Wir danken Dir sehr für Deine liebe Bemühung! Ungefähr am gleichen Tag brachten wir einige Gemüse- und Salaterträge unsres Garten einem griech. Professor in Schöneiche (bei Woltersdorf), den seine Pg.-Wirtin hungern läßt und um Karten schädigt. Wir gingen dann mit ihm nach Woltersdorfer Schleuße, von wo uns das übliche Gewitter forttrieb.
Wie ist denn der Grund von
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| Rösels Verstimmung zutage gekommen? Ein "Grund" könnte es doch höchstens sein, wenn sie angenommen hat, Du wolltest ihr absichtlich die Verlegenheit bereiten. Und da sie dies nicht ernstlich glauben konnte, so ist die eigentliche Ursache das allgemein verwundete Gemüt. Damit aber soll man einen Freund nicht allein lassen, auch wenn er Unrecht hatte.
Lilie war lange Zeit der Herausgeber der "Jungen Kirche", die Du doch auch gehalten hast. Wir sitzen da wieder zwischen 2 Stühlen: mit den Orthodoxen kann ich nicht mit, und die Zukunft wird ihnen (auf die Dauer) schwerlich gehören.
Über unsre Begegnung schon in Berlin wie über die etwaige Reise habe ich leider keine Meinung. Ich warte einfach ab. Denn das ist wohl sicher, daß innerhalb der nächsten 4–6 Wochen Entscheidendes vor sich gehen wird. Jetzt in eine
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| Großstadt zu gehen, ist entschieden falsch. Du mußt doch auch bedenken, daß es für mich eine Erleichterung ist, Dich in relativer Sicherheit zu wissen. Jeder "Angehörige", um den man mehr in Sorge ist, belastet die schon so düstere Existenz. Falls diejenigen Recht haben, die glauben, daß Berlin erst im September an die Reihe kommt, kannst Du mir nach dem etwaigen Ruin des Hauses hier mehr helfen, als bei dieser Gelegenheit. Und wenn wir selbst bei ihr kaputt gehen, so ist es kein Trost für mich, Dich selbst in ähnlicher Gefährdung zu wissen.
Aber kurz: hier versagt jedes Raisonnement. Ich habe nur einen festen Willen, unser Zusammensein in einer Form, die man verantworten kann, zu verwirklichen.
Bei Mi.-Ge. aus guter Quelle viel gehört. Nichts günstiges. Über die Heidelberger Festivität, von der Du nichts erwähnst, hat uns der neue
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| Vicepräsident Absonderliches berichtet. Den eigentlichen Sinn läßt er im Dunkeln. Aber ist dies nicht eine vielsagende Schwenkung? (natürlich nach außen!) Ein wichtiger Name wurde garnicht mehr erwähnt.
Die Vorlesungen gehen gut, das Seminar schlapp. Ich habe aber wenig Arbeitslust. Du weißt: Garsfeld, Gemünden, WürzburgHeidelberg. –  – Meiner Meinung nach ist es bald so weit.
Letzten Montag habe ich vor einer Flakbatterie in Vehlefanz (bei Velten) über Japan geredet. Es war ein drückender Tag und eigentlich lohnte es die Zeit nicht. Der M.G.-Expertedenkt über Japan ganz negativ.
Man beschäftigt sich viel mit dem eigenen Leben, ist aber nicht mehr jung genug, breit darüber zu schreiben. Dies müßte neuerlich behandelt werden. Viele Fehler sieht man jetzt deutlich, und man erschrickt, wenn man die Folgerung zieht: auch jetzt ist das Bestgedachte voller Fehler.
Gestern nach Jahrzehnten Ernst Körner in Potsdam besucht. Es war wohltuend. Adalbert ist im Osten, also wohl jetzt <li. Rand> mitten drin.
Nun werde ich eine Pille nehmen. Innige Wünsche u. Grüße Dein
Eduard.

[re. Rand] Lebertran für Frl. Franz!!
[Kopf] Tochter v. Klara Runge heiratet Dienstag.