Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 29. Juli 1943 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 29. Juli 1943.
Mein innig Geliebtes!
Vielleicht darf man ahnen, hoffen, daß die schöne Feder bereits ihre Zauberkraft bewährt hat. "Doch vielleicht, indes wir hoffen ........" .
Mit Beunruhigung hörte ich von Karls Erkrankung. Mögest Du inzwischen bessere Nachrichten erhalten haben! So etwas dauert jetzt in jedem Fall lange. Für einen Arzt ist es eine besonders schlimme Geduldsprobe.
Die Stachelbeeren sah ich in einer Schüssel vor Susanne stehen. Was darin war, sah gut aus; die anderen sind mir nicht gezeigt worden. Meine Äußerung bezog sich auf das, was ich vor Augen hatte. Über den sonstigen Befund hatten wir an dem Tage nicht gesprochen.
Ich sende Dir außer der ohne meine Einzelkorrektur hergestellten, als vermutlich auch z. T. "faulen" Nachschrift meiner Vorträge einige Karten von Frl. Kiehm, diese nicht nur wegen der schönen Bilder, sondern auch wegen der Nachrichten. Du bist wahrscheinlich ungeduldig, daß ich keine definitive Auskunft über unsre Pläne gebe. Aber dies ist nach Lage der Dinge jetzt noch weniger möglich als vorher. Gestern, genau nachdem ich nach der Beendigung der Vorlesungen (morgen ist noch Seminar) das letzte Testat gegeben hatte, kam ein voller Tagesalarm. Ich verbrachte die halbe Stunde im öffentlichen Luftschutzkeller der Akademie, mit Matussek philosophierend. Nach meinem Gefühl können sich die Dinge jetzt u. U. sehr schnell entwickeln. Vielleicht in 4 Wochen. Jedoch: an Reisen ist kaum zu denken, ehe man nicht klarer sieht. An Nachdruck aus der Luft wird es in nächster Zeit nicht fehlen. Das kann
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| doch nicht beliebig lange so weitergehen. Am Kuban sind wir stark, und das Inland ist praktisch so gut wie ungeschützt. Ich höre viele Einzelheiten. Der Fall M. ist noch ungeklärt, weist aber m. E. in eine ganz bestimmte Richtung.
Ida ist seit 1 Woche in Urlaub. Susanne arbeitet mit gelegentlicher Hilfe v. Frl. Rauhut, stöhnt aber über die endlich eingetretene Hitze, die sie absolut nicht verträgt. (vgl. Hakone).
Hier bin ich vom Besuch des Kollegen Titze unterbrochen worden, der auch nicht wagt, seine für den 11.VIII. geplante Reise anzutreten.
Die ganze vorige Woche habe ich unter Halsschmerzen und anderen Infektionszeichen zu leiden gehabt. Ich bin infolgedessen ziemlich unfleißig gewesen und habe über die Universitätsdinge plus immer gleich rege Korrespondenz hinaus nichts leisten können. Die letzte Mittwochsgesellschaft mit Damen, die gestern bei Sauerbruch sein sollte, ist abgesagt worden. Besuch hatten wir von Heide Heß (Gumb.), Haering (Tübingen), der von den vielen starken Erdbeben erzählte, Schuster (Hannover), Faber (Lüneburg), Pappenheims. Heute erhielten wir Nachricht von dem Fliegerneffen (25.7.), der anscheinend der sizilischen Hölle endgiltig entgangen ist. In Marienbad sind Kügler (Verein Gesch. Berlins), Elsbeth Knoche, Marianne Püschel (Götze.) Vielleicht fahren wir mit Frl. Jung, die jetzt wegen ihrer in Hannover lebenden Eltern in Sorge ist, am Sonnabend zum Liegnitzsee vorjährigen Angedenkens u. am Donnerst. zur Begegnung mit Litts nach Wittenberg. (?) – Die Annäherungszeichen des Prop. Min. sind ganz auffallend.
Haben Deine Augen dem Zeichnen standgehalten? Wie geht es Rösel Hecht? Frl. Franz?
Die allg. Erfahrung lehrt, daß man nach Angriffen aus rein posttechnischen Gründen nicht immer sofort Nachricht geben kann. Also keine Beunruhigung dieserhalb
<li. Rand>
Viele herzliche Grüße und alle zeitgemäßen Wünsche!
Innigst Dein
Eduard.