Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 5./6. August 1943 (Berlin/Dahlem)


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5. August 1943 abends.
Mein innig Geliebtes!
Nach 2 Tagen des Überlegens bin ich zu dem Entschluß gekommen, Dir immer alles zu schreiben, wie es ist, und nichts zu verschweigen. Du bist ja ohnehin seit langem auf alles gefaßt. Halbe Verhüllungen geben auch keine Seelenruhe, wie sich an der offiziellen Praxis zeigt.
Am Sonntag Abend, als wir von einem Besuch bei Jenny zurückkehrten, erhielten wir die beiden Flugblätter, in denen die Evakuierung Berlins von Frauen, Kindern und sonst Abkömmlichen empfohlen (nicht befohlen) wurde; ebenso die Versendung von wertvollem Besitz nach auswärts. Am Montag wurden bereits Lazarette abtransportiert. Am Dienstag, bei einem ohnehin beabsichtigten Besuch bei Frl. Wingeleit, fand ich sie bereit zur Abholung nach? (bis heute unbekannt). Sie hatte ihr Bündel geschnürt und sprach ganz ruhig und vernünftig.
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Es gibt 2 Versionen über die Hintergründe. Nach der einen ist nur die Zerstörung Hamburgs mit 100000 Toten (Senzoku) der Anlaß. Nach der anderen ein Ultimatum mit dem Ziel, das in Italien bereits erreicht ist. Dieses Gerücht geht durch die Stadt; ein Ursprung ist nicht erkennbar. Beide Versionen stimmen darin überein, daß vor dem 15.8. nichts geschehen werde. Die Folge der Maßnahme (in Verbindung mit der Tatsache, daß G. den üblichen Artikel fürs "Reich" nicht geschrieben hatte) war natürlich eine Panik in allen Kreisen. Die Zustände auf der Bahn und auf der Post von der Minute an brauche ich nicht zu schildern.
In unsre Überlegungen, wie wir uns verhalten sollten, kam v. Potsdam her die Anregung, vom 13.8. mindestens dort zu schlafen und bei Alarm in die Splittergräben des Neuen Gartens zu gehen. Die neueste Erfahrung in H. soll nämlich gelehrt haben, daß der Aufenthalt im Keller nicht richtig sei, weil es dort zuerst zu brennen anfinge. Und wenn die Leute herauskamen, brannten die Straßen (Asphalt besonders!) ebenfalls. Ich war zuerst geneigt, dem Rat zu gegebener Zeit zu folgen, nicht weil ich Potsdam selbst für weniger gefährdet halte, sondern weil die Bismarckstr. gerade etwas besser liegt als die Fabeckstr. Wir waren nun heute draußen, haben alles rekognos
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|ziert und besprochen. Zunächst sind die Splittergräben im Neuen Garten noch garnicht angelegt, und die am Tor vorhandenen sind – vorläufig – ungedeckt. Wir aber haben 2 Min. von uns solche gedeckten Laufgräben, die bisher noch garnicht benutzt worden sind. Im Falle eines leichteren Brandes könnten wir ev. im Hause noch etwas löschen. Sind wir in Potsdam (wo Ida sein wird, ist noch unbestimmt), so müssen wir das Haus ganz seinem Schicksal überlassen. Ein endgiltiger Beschluß ist noch nicht gefaßt. Du wirst davon hören. Fortreisen kann man jetzt ohne Lebensgefahr nicht, – ich wüßte auch nicht, wohin. Denn wenn das Gebiet nicht freigegeben ist, so werden einem die Marken gesperrt. Da ist noch ein ungeheures Durcheinander.
Gestern habe ich mit Frl. Jung den Tresor, in dem sich die wertvolleren Sachen der Kommission für Deutsche Erziehungs- und Schulgeschichte befinden, roh registriert. Morgen und übermorgen müssen mindestens die Fröbelmss. verpackt werden. Montag kommen sie fort. – Vermutlich schicke ich Dir ohne Kommentar in Briefen demnächst einige Papiere, an denen mir liegt. Einige Vorlesungen werde ich an Wenke schicken, sobald der furchtbare Andrang auf der Post nachgelassen hat.
Frau Gomies hat auf eine Anfrage wegen Erika u. Familie noch nicht geantwortet.
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| Flitner ist herausgekommen, wenn ihn nicht der Reichtagsangriff noch gefaßt hat.
Das Wichtigste ist nun, wo steuert das Ganze eigentlich hin? Gefangene und a. Arbeiter sind schon sehr vergnügt. Berliner Flak wird z. T. von R.n bedient. Senz. behauptet, bei der Landung auf Sizilien seien auf der Gegenseite 15000 Flieger beteiligt gewesen. Sie sind unten gepanzert und können nur von oben angegriffen werden. Ich sehe nicht, wie wir damit fertig werden sollen. In den maßgebenden Kreisen scheint teils auch Panik, teils Optimismus zu herrschen. Du kannst Dir denken, daß jedes Fuhrwerk, jede Arbeitskraft, jedes Material überbeansprucht ist ......... wer bleibt schließlich bei der Hauptarbeit??
Zu meiner Arbeit fehlt nun allmählich die Ruhe. Susanne ist durch Hitze und Hausdienst sehr überreizt. Gut ist es immer bei Meineckes. Die heutige Begegnung mit Litts ist ausgefallen. Morgen bei Frau Petersen, abends ev. Besuch des Vetters Fritz Wagner, der mich immer interessiert.
Gute Nacht für heute!
Dein Eduard.

[li. Rand S. 3] Luftgauamt D. wird verlegt. 6./8.