Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 8. August 1943 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 8. August 43.
abends
Mein innig Geliebtes!
Heute kam Dein lieber Brief vom 5.VIII., der mich beglückte. Er ist freilich noch aus einer Auffassung geschrieben, die durch meinen Brief schon eine Änderung erfahren haben wird. Genau jetzt vor 7 Tagen trat der Umschwung ein. Wir haben hier die verschiedensten Gemütszustände durchlebt, und es wird so weitergehen.
Höre bitte vor allem eines: ich werde in den nächsten Tagen kaum eine Karte schreiben können. Das bedeutet nichts Schlimmes, nur dies, daß wir ungeheuer zu tun haben werden. Entschieden ist noch nichts. Ich habe erst am 6.VIII abends an den befreundeten Buchhändler in Freienwalde geschrieben, ob er uns dort oder in der Umgegend noch 2 Zimmer für uns 3 besorgen könnte. Gleichzeitig habe ich die Gräfin Hardenberg gefragt, ob auf den Dörfern um Neu-Hardenberg noch eine Unterkunft zu haben sei. Antwort ist frühestens morgen Mittag zu erwarten. Kurz ehe ich mich zu der Auffassung, fortzugehen sei besser, durchgerungen hatte, hatte Ida aus Breslau
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| angerufen, ob sie kommen solle. Leider hat Susanne geantwortet, es sei nicht nötig. Nun wird sie im besten Falle Dienstag Abend kommen, und wir müssen all die vielen Arbeiten allein bewältigen.
Freitag u. Sonnabend Vorm. habe ich mit Frl. Jung 5 Kisten Fröbelarchiv gepackt. Ich habe sie dann ihrer Sicherheit wegen in den Urlaub fahren lassen. Morgen sind noch 22 Kisten in leichterer Weise zu packen, wofür sie mir aber mindestens 2 Studentinnen bestellt hat. Dann sind die Dienstpflichten wohl erledigt.
Wenn Freienwalde nichts wird, erschwert sich die Sache. Die Mark wird für Berliner Bombengeschädigte freigehalten; ich wäre nahe bei Berlin und könnte sagen, daß ich nur wo anders schliefe; denn Urlaub gibt es jetzt schwerlich. Glückt dies also nicht, so haben wir garantiert Unterkunft bei Frl. Krogner in Teplitz oder durch Wenkes in Erlangen. Man muß ja auch sehen, wohin man Zulassungskarten bekommt.
Inzwischen packt Susanne Koffer und Packete, wofür es auch schon reichlich spät ist. Sie gehen an verschiedene Orte. Es gehört sehr
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| viel Überlegung dazu. Und ich bin ganz unpraktisch geworden.
Frankes sind hoffentlich schon in Ballenstedt; Meineckes (die beiden alten Herrschaften) gehen nach Schreiberhau. Wir haben eben Abschied genommen. Berlin wirkt schon leer. Unaufhörlich gehen Züge hinaus. Die Packete freilich stapeln sich auf der Post zu Bergen; ob das noch alles wegkommt? Man kann nur Dinge für den Gebrauch zu retten suchen. Allen anderen Besitz müssen wir, denen keine Lastwagen und Kisten gestellt werden, eben preisgeben, was nicht leicht ist.
Da sind wir nun also. Und wie viel wird noch kommen! Was hilft es, daß es bröckelt; das Elend ist schon da.
Heute erhielt ich mit Wehmut das erste fertige Exemplar: "Goethes Weltanschauung."
Mit dem Lesen der Sendungen an Dich hat es doch keine Eile. Die stammen ja noch aus einer anderen Welt.
Der gute Otto hatte uns durch Blitztelegramm (andre gibt es nicht mehr!) ein freies Zimmer in Marienbad signalisiert. Aber wir sind ja noch nicht fertig. Frau Biermann geht
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| nach München. Lenchen ist mit den Kindern in Ulm. Rösi ist gestorben. - München etc. gilt übrigens schon als Aufmarschgebiet. – Von Erika noch keine Nachricht.
Meinecke war sehr optimistisch. Es ist denkbar, daß die faktische Leitung schon beim Militär ist. Die Erkenntnis ist jedenfalls schon da, völlig Unverständige ausgenommen.
Mit unserem Bodenseetraum ist es gekommen, wie ich es im stillen gefühlt habe. Pläne für ein Wiedersehn sind leider z. Z. unmöglich. Freue sich jeder, der nicht reisen muß. Meine innigsten Gedanken und Wünsche sind immer bei Dir. Man muß zunächst sehen, wie man durch das Dickste durchkommt. Plage Dich nicht mit trüben Vorstellungen. Was es heißt, auf Gott vertrauen, wird einem erst jetzt klar. Wenn Er es will, so wird es glücken. Andernfalls nützen auch die sorgfältigsten Überlegungen nichts.
Also zunächst vielleicht keine Nachricht. Wir beide grüßen Dich innigst
Dein
Eduard.