Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 22. August 1943 (Johannesmühle über Bad Freienwalde/Oder)


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Johannesmühle über Bad Freienwalde Oder
bei Herrn Dr. Reeh, 22.8.43.
Vor 40 Jahren!
Mein innig Geliebtes!
Wenn Du auf einer Karte den Ort Zehden bei Freienwalde hast, dann liegt J. auf der Linie Fr.-Zehden, und zwar unmittelbar hinter der Oderbrücke. J. ist ein 1939 erbautes Zellstoffwerk modernster Art (gestern besichtigt.) Die zugehörige Siedlung liegt 500 m davon, etwa 25 neu erbaute Häuser. Nach der einen Seite liegt also die Fabrik und die Oder, nach den 3 anderen kahle, landwirtschaftlich nur teilweise benutzbare Hügel. Wenn wir einen Schatten spendenden Baum haben wollen, müssen wir ¼ Stunde über Stoppeläcker. Wald ist nur mit der Bahn zu erreichen. Diese aber hat einen Fahrplan, der niemals paßt. Wir waren bisher nur einmal, am Sonntag, in Freienwalde (40 M Bahnfahrt), wo wir auch Frl. v. Kuhlwein besuchten. Unser Fenster geht nach Süden und hat die Aussicht, wie ich sie in Schönewald hatte, zum weiten Nichts ausgedehnt. Gestern waren 35°C im Schatten, und es scheint noch so zu bleiben.
Unsere gütigen Wirte sind sehr liebenswürdige Menschen. Er aus Mühlhausen [unter der Zeile] Thür., sie, wie
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| wohl schon erwähnt, Tochter des Herrn Möller, mit dem ich die Tagung in Hattenheim gemacht habe, wohnhaft in Frankfurt-Preungesheim. Klaus (10 Jahre) und Inge (7 J.) sind sehr munter. Ida ist als Hilfe sehr willkommen. Sie hilft auch der Nachbarin, bei der sie wohnt: Frau Dr. Haas, Tochter des leitenden Arztes von Wehrawald (Kaufmann), einer höchst liebreizenden Natur. Dr. Haas ist Mannheimer. Im Hause wohnt noch ein Chemiker aus Steiermark, idealer Nazist. Das ist der nächste Umgang. Die Raumverhältnisse gestatten nicht, eine Arbeit anzufangen. Auch die Zeit ist beschränkt. So müssen wir jeden Mittag ca 18 Min. durch glühende Sonne bis zur Oderbrücke hin und zurück, um einen Teller Kartoffeln mit Gemüse zu essen. Die sonstigen Mahlzeiten liegen zu dehnbarer Zeit. Ich erledige also kaum meine Korrespondenz.
Um den 1.IX. wird wohl die Übersiedlung nach Schloß Neu-Hardenberg (über Müncheberg/Mark) erfolgen. Spätestens am 10.IX. aber muß ich in Berlin sein, da dann das Zwischensemester für Kriegsteilnehmer beginnt.
Wir hatten hier etwa 5mal Alarm. Zweimal konnten wir vom Fenster aus Angriffe auf Berlin beobachten, die leicht gewesen zu sein scheinen; sie haben offenbar immer bestimmte Ziele. Die großen Angriffe kommen vielleicht erst im September.
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Ich habe vorgestern allein eine tüchtige Vormittagstour nach Hohen-Lübbichow gemacht, um den früheren Reichsminister v. Keudell auf seinem stattlichen Besitz zu besuchen; ich traf nur Frau v. K., die reizend zu mir war. Alles junge Männliche des Hauses ist gefallen.
Flitner hatte am 7. Aug. noch keine Verbindung mit seiner Familie (in Tirol.) Erika nicht mit ihrem Mann. Frl. Glinzer hat noch nicht geantwortet. Vom Kapitän Römer auch keine Nachricht. Man sagt: 135000 Tote.
Deinen lieben Brief vom 15.8. habe ich am 18.8 mit großer Freude erhalten; gleichzeitig die Karte vom 12.8. nach Berlin. – Ein stilles Gedenken für Oberstleutnant Weise. – Es freut mich, daß es mit Rösel Hecht wieder harmonischer ist. Dein Urteil über den "Erdgeist" trifft m. E. völlig des Rechte.
Von Meinecke aus Oberschreiberhau hatte ich einen geiststrotzenden herrlichen Brief. In den nächsten Tagen wird ein Notkandidat aus Finnland von mir in Freienwalde gegrüßt werden. Ida soll einmal nach Berlin fahren. Der schlimmste Ansturm auf die Bahn scheint vorüber. Der große Koffer ist beim "Dekan" Wenke in Erlangen eingetroffen. Packete liegen bei Thilo in Freienwalde.
Du kennst meine Einstellung zum Logierbesuch. Obwohl hier alles nach unserm
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| Wunsch eingerichtet wird, kümmert meine Seele. Ich habe noch 75 Zigarren, mit denen ich haushalten muß. Der Gesprächsstoff wird natürlich spärlich. Heute (Sonntag) fahren wir 3 nach Freienwalde; aber der erste annehmbare Zug geht um ½ 1. Eine kümmerliche Zeitung kommt wohl, aber was drinsteht, ist nicht wahr. Schon vor der Abreise hatte ich zuverlässige Nachricht, daß Badoglio erledigt ist und daß wir auf den Dnjepr zurückgehen. Wir sind hier ein wenig nördlich von der Gegend "Vor dem Sturm."
Der Schwarzwald rauscht ein wenig durch Frau Dr. Haas hinein. Ich sehe aus dem Fenster, sehe die Telegraphenstange, und gedenke Dein. Wie eng wird das Leben! Und wir müssen froh sein, wenn wir für die vereinbarte Zeit hier bleiben dürfen.
Halten wir uns an unsre innere Welt! Die wärmsten Wünsche und Grüße von uns beiden.
Dein
Eduard.

[] In Hattenheim wohnten wir bei Rees, hier bei Dr. Reehs.