Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 29. August 1943 (Johannesmühle)


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<dieser Brief ist an vielen Stellen verwischt u. nicht leserlich – daher nur bedingt korrigiert>
Johannesmühle, den 29. Aug. 43.
Mein innig Geliebtes!
Den bedeutungsvollen, schönen 31.VIII hätten wir gemeinsam auf der Reichenau verleben sollen. Nun ist selbst ein Wiedersehen in nächster Zeit noch höchst problematisch. Meine Gedanken suchen und finden Dich, nicht in der Ferne, sondern in zeitloser Nähe. Alle kleinen Ereignisse von vor 40 Jahren (!) stehen mir lebhaft vor der Seele. Was damals providentiell begann, hat für mein Leben nicht nur reichste Frucht getragen, sondern es hat mein Leben eigentlich gemacht und mit einem Inhalt erfüllt, den keine Worte umspannen können. Durch viele Schicksale und Verwandlungen hindurch sind wir die gleichen geblieben, und in den harten Kämpfen der Gegenwart gibt mir der Herzensbund mit Dir Kraft und Sicherheit. Bleibe mir vor allem gesund! Ich brauche Dich und Dein Dasein wie das Licht des
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| des täglichen Tages, und ich danke Dir immer von neuem, daß Du über meinem Wege leuchtest!
Als ich am Donnerstag von Freienwalde nach Hause kam, hatte die gute Jenny schon angerufen und nach Verständigung mit Frau Henning mitgeteilt, daß bei uns nichts geschehen sei. In der nahen Brümmerstr. hat ein Haus gebrannt. Schlimmer soll es in der Königin-Luisestr. gewesen sein. Am schlimmsten in Lankwitz, dann in Steglitz, Friedenau, Schöneberg bis zum Potsdamer Platz und Anhalter Bhf. Also wieder vorwiegend Westen und Südwesten. Klara Rauhut ist unbetroffen (sehr nahe der Bahn). Von Frl. Wingeleit fehlt jede Nachricht seit dem 11.8. Daß die Arme die Verschickung noch durchmachen mußte! Hier sind schon viele total Bombengeschädigte eingetroffen. Dem Bruder von Herrn Thilo ist alles verbrannt. Von den meisten Bekannten weiß ich noch nichts. – Der Mann v. Erika
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| lebt noch. Frl. Glinzer? Kapitän Römer? – –
Wir waren bei schönstem Wetter am Donnerstag noch einmal in Freienwalde, auch zu Besorgungen. Gestern habe ich hier im Hause vor 28 Leuten des Werkes einen kleinen Vortrag gehalten. (Die menschlichen Le<Restwort unleserlich>.) Ich bin ziemlich schwach, weil die Ernährung mäßig ist, und habe mit der Stimme Schwierigkeiten, vielleicht eine Folge der trockenen, staubigen Luft. Heute zum 1. Male etwas Regen. Jemand soll sehr nervös geworden sein und anderen Vorwürfe machen.
Es ist nicht wahr, daß der Generalstabschef der Luftwaffe Selbstmord verübt hat. Hingegen soll die große Erfindung erst nächstes Jahr fertig werden. – –
Die Post funktioniert hierher schlecht. 2 wichtige Packete an Thilo sind seit dem 11.8. nicht eingetroffen (Vorlesungen etc.) Hoffentlich finden sie sich noch! Von Frl. Jung und dem Notkandidaten sind die erwarteten Nachrichten bisher ausgeblieben. Dieser Brief wird aber die Anhalter Bahn schon wieder offen finden.
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Was wir in Blaubeuren nur ahnten und fürchteten, vollendet sich jetzt. Jede Stadt ist jedem Angriff preisgegeben.
Ich gehe im Gedanken mit Dir über die Anlage zum Schloß, – über den Weißen Stein nach Schriesheim. Wir sind – ich wenigstens – zu manchem Wege heute schon nicht mehr fähig. Aber innerlich lebt alles fort, und wir wollen auch äußerlich fortleben, um noch ein Morgenrot zu sehen. In dieser innersten Verbundenheit grüße ich Dich herzlich.
Auch von Susanne viele treue Grüße.
AEI.
Dein
Eduard.

[] Sind Ruges noch bzw. schon in Rügen?