Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 9. September 1943 (Dahlem)


[1]
|
Dahlem, den 9. September 1943.
Neu-Hardenberg ist ein Schloß, das andere märkische Adelssitze an Glanz übertrifft, weil es eine fürstliche Dotation ist; aber ein bewohntes Schloß, nicht ein bloßes Museum. Der Graf, im vorigen Kriege schwer am linken Arm verwundet, ist wirklich Landwirt, Forstmann, Jäger; in diesem Kriege ist er als Oberstleutnant Adjutant des (außer Funktion gesetzten) Feldmarschalls von Bock. Die Gräfin, etwa 50, ist die Güte selbst, religiös, aber nicht befangen, schlicht und natürlich. Die Energie des Vaters und die Wärme der Mutter vereinen sich in dem Comtesschen Reinhild, genannt Wonte (!) – etwa 20. Man kann garnicht sagen, was das für ein entzückendes Wesen ist, immer heiter, tätig, dienstbereit, interessiert; nicht die Spur verwöhnt. Das war neben der sanften Gräfin der eigentliche Stern von Neu-Hardenberg. 3 Schwestern sind außer dem Hause, eine als Gräfin Arnim verheiratet. Der junge Graf ist ein Spätentwickler, lernt auf einem der eigenen Güter die Landwirtschaft und kommt
[2]
| nur Sonntags. Er ist kindlich bescheiden und anspruchslos, ein bißchen Sorgenkind.
Als wir ankamen, waren zahlreiche Gäste schon da: der Vetter der Gräfin Generalleutnant a.D. Graf v. d. Schulenburg, mit dem ich mich gut angefreundet habe; der Generalleutnant Kuntzen mit Frau, Rekonvaleszent; die Tochter des Malers v. K. Ursula v. Kardorff, soeben kropfoperiert, Sekretärin bei der DAZ. Es kamen noch für kurze Zeit Graf und Gräfin Waldersee, beide ernst und angenehm. Schließlich der in Dahlem ausgebombte Feldmarschall, ein Orts- und Personenlexikon, liebenswürdig, aber allerseits entbehrlich. Alle diese Herrschaften waren bald auf Jagd, bald in Berlin, so daß der "Bestand" an Anwesenden fluktuierte. Die Damen ließen fühlen, daß es ihnen angenehm war, wenn sie abends mit uns allein waren. Wir haben aber auch an Unternehmungen teilgenommen: an einem reizenden Sonntagsspaziergang im gräflichen Wald, 10 Mann hoch, an einer Heldengedenkfeier in der Schinkelkirche (cf. Fontane, Wanderungen), an einer Kutschenfahrt auf das Gut Bärwinkel und einer Gasautofahrt
[3]
| nach der Komturei Lietzen am See. (Das ist nur ein Teil des fürstlichen Güterkomplexes.) Am 2. Tage erhielt ich Besuch von einem Doktorkandidaten, Leutnant aus Finnland. Er wurde im Ahnensaal unter dem Gemälde des Staatskanzlers geprüft, zur Tafel zugezogen und allgemein verhätschelt.
Wir hatten im 1. Stock nach der Parkseite das schöne "Platanenzimmer", das durch den uralten mächtigen Baum leider etwas verdunkelt wurde. Man war zusammen beim Frühstück (8–9), zu Mittag 12¼, zum Tee 4 Uhr und zum Abendessen 19½, daran anschließend bis zum Schlafengehen bald nach 22 Uhr. An Arbeiten war nicht zu denken. Der gesellschaftliche Verkehr mit einem in Stil und Interessenrichtung so anders gearteten Kreise kostete doch viel Kraft. Du weißt ja: es dauert lange, bis ich aus dem Formellen heraus bin. Sehr erleichternd wirkte die völlige Übereinstimmung mit allen in der Hauptsache. Gemäßigte wie B. und K. wurden bemitleidet.
Graf und Gräfin haben uns geradezu gebeten, noch zu bleiben. Ich sollte jede Woche an einem Tag zu den Übungen in die Stadt fahren. Dies haben wir aus mehreren Gründen nicht annehmen können. Wir sollen aber jederzeit,
[4]
| wenn wir wollen oder gar müssen, sofort zurückkehren. Du mußt nun nicht etwa denken, daß ich die Hausgemeinde meinerseits "unter Geist gesetzt habe". Ich ging wenig aus mir heraus. Dies Angebot ist also wieder reine Menschlichkeit und Güte.
Ida lebte sich langsam in das Ländliche ein, half im Hausbetrieb und fand es schließlich ganz nett. Leider hat sie heute einen Koffer im Zimmer stehen lassen, was erst am Bhf. bemerkt wurde. Ich hatte mich auf den Grandseigneur eingestellt, der sich um das Technische nicht kümmert, nur gefragt: "ist alles da?" – und siehe da, nun haben wir die Komplikation.
Das väterliche Gut der Gräfin mit 26 Dörfern soll Knall u. Fall in einen SS Schießplatz verwandelt werden; dies brachte viel Kummer in die Tage: wegen der Dorfbewohner, nicht wegen des Gutes.
Park und Alleen sind wundervoll für die einfachen märkischen Verhältnisse. Das Dorf ist eigentlich eine Allee mit 4 Reihen Bäumen. Alles ist gut im Stande und blüht. Das Viehzeug, auch viele Pferde, ist herrlich. Wild tritt in den Park. Am ersten Tage erlegte K. einen beträchtlichen Keiler. Die 180 Karnickel lernen von ihrem glücklichen Wärter Französisch. – Kurz: alle Eindrücke waren bezaubernd; nur der Hintergrund sehr düster, erst wegen Berlin, dann – heute – wegen Italien.
<kein Schluss>