Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 14./15. September 1943 (Dahlem)


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Dahlem, den 14. September 43
abends.
Mein innig Geliebtes!
Heute nun also die Antwort auf Deinen lieben Brief vom 3.IX., dessen Inhalt mir in der vorgehefteten Feder symbolisiert war und entsprechend auf mich belebend gewirkt hat.
Es ist denkbar, daß Altersheime aus Heidelberg fortverlegt werden. In Berlin ist es nur im Zuge der allgemeinen Evakuierung der Kinder und Frauen und Lazarette geschehen. Frl. Wingeleit ist so - in 30stündiger Fahrt nach Lyck, Hôtel Deutsches Haus, gekommen. Wer sich dem entziehen will, muß auf eigne Rechnung und Gefahr zu Verwandten gehen oder gebracht werden. Im vorliegenden Falle wäre dann wohl an Mehners in Wiesbaden (?) zu denken. Es gäbe wohl noch direkte Züge nach dort? Andernfalls müßte jemand mitfahren. – Daß alleinstehende
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| ältere Damen zum Verlassen ihres Wohnortes genötigt worden wären, ist hier in Berlin nicht vorgekommen, und in Heidelberg liegt bis jetzt nicht der mindeste Anlaß dazu vor.
Daß unser Wiedersehen mißglückt ist, empfinde ich sehr schwer. Es ist eine der großen Härten des Krieges. Wäre ich noch wendig, so machte ich es wie einst und käme einmal auf 2–3 Tage. Aber ich muß es schon gestehen: seit der Krankheit bin ich eigentlich alt geworden. Besonders aus diesen "Ferien" bin ich ganz kaputt zurückgekommen; es fehlt mir jeder Wagemut. Du kannst Dich erst recht den möglichen Zwischenfällen der weiten Fahrt nicht aussetzen. Solange überdies das Schwert über Berlin schwebt, können weder Du noch ich noch etwa Ruges ein solches Unternehmen verantworten. Bei Tage lebt man in dieser spätsommerlichen Wärme hier ganz gut; aber jeden Abend kommt die Nervosität. Denn was gegebenenfalls passiert, ist keine Kleinigkeit (wie die noch nicht von uns besichtigten zerstörten
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| Stadtteile lehren), und es ist nicht jedermanns Sache, dabei wie der Mannheimer Zeitungsschreiber nur die glänzende Organisation zu bewundern. Man muß dieses Kriegsstadium einfach durchhalten. Von Dir erbitte ich zur Unterstützung dabei die Sorge für Dein Befinden, damit wir unter anderen Zeichen uns gesund wiedersehen können.
Mit herzlichem Dank erhielt ich gestern Dextropur u. 2 Bromural. An letzterem reicht der Vorrat nun; denn man kann jetzt natürlich keine einschläfernden Mittel nehmen.
In dem Kriegsteilnehmerkurs (Fichte, Bestimmung des Menschen) hatte ich bisher 8 anscheinend nette Leute. Eine Stunde vor dem Beginn (10.9.) wurden die am 8.8. fertig gepackten Kisten endlich abgeholt. (!) Zum Arbeiten muß ich mich sehr zwingen. Ungeheuer viel Zeit erfordert die Korrespondenz, teils als Antwort auf Anfragen, teils Trostschreiben an Abgebrannte. [z. B. Heymann (74 Jahre), Schuchhardt (85 Jahre.), Staatsrat Carl Schmitt, der Theoretiker des Systems; Rosenberg, Jutta Keferstein, Frau Jensen (z. 2. Male) etc. etc.] Nicht allen habe ich geschrieben; dies ist nur eine Auswahlliste. Lankwitz, Marienfelde, Steglitz, Lichterfelde-Ost, Neu-Westend, Fehrbelliner Platz,
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| Siemensstadt, Moabit sind ganz schlimm zerstört. Der eigentliche Norden, Osten u. die Stadtmitte waren noch nicht an der Reihe. Dies Warten zehrt auch.
Dein Urteil über den "Erdgeist" ist ganz das meine. Die Figur des Poppele ist ganz sinnlos verzeichnet.
Frau Meinecke war am Sonntag hier. Sie leben in Oberschreiberhau ganz eng. Penck (85 J.) ist auch v. Saarow in die Stadt zurückgekehrt, ganz munter, aber doch nicht bewegungsfähig.
Den Rückschlag vom Sonntag beurteile ich nicht als sehr belangvoll, aber doch als hemmend. Es kommt dann eben aus der Luft. Tant pis.
Ich bemühe mich vergeblich, Pfeife rauchen zu lernen. Ende September ist die letzte Zigarre hin.
Unsre weiblich-militärische Einquartierung und ihre gefährliche Dienststelle sind von Dahlem fort. Wir haben das kleine Zimmer der zum 2. Male, diesmal total, von Bomben heimgesuchten Frau Jensen, Witwe des Graecisten, angeboten. Es ist eine Nächstenpflicht.
In der Sache Sabine habe ich den Eltern einen ernsten Brief geschrieben. Ich mußte an Lietze denken. Der alte R. war wenigstens Witwer. Zu ändern ist nichts, wenn sich die Beteiligten nicht noch selbst besinnen.
In diesem Brief steht nicht viel Gutes. Gut ist nur die tiefe innere Gemeinschaft <li. Rand> mit Dir. In diesem Gefühl ruhe ich und grüße Dich herzlich. Ebenso viele Grüße von Susanne, die immer fest u. tapfer ist. Dein dankbarer Eduard.
[re. Rand] Meine Japaner scheinen "futsch" zu sein.

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<beigelegter Zettel>
Gestern, 14.9., hatten wir von 22,35 – 23,45 Alarm.¹) 1) [Fuß] ¹) den ersten seit der Rückkehr. Es hat sich aber nichts entwickelt. – Herrlicher Mondschein.