Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 27. September 1943 (Dahlem)


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Dahlem, den 27. September 43.
Mein innig Geliebtes!
Alle Deine lieben Briefe haben etwas Schönes gebracht. Vor allem der heute eingetroffene, daß es Dir auch bei dem neuen Angriff auf Mannheim keinen Schaden verursacht hat. Dann hast Du mir Buttermarken geschickt und mir im voraus jede Revolte dagegen untersagt. Es wäre für mich auch nahrhaft, wenn ich wüßte, daß Du Dich einmal selbst ein klein wenig mästest. Nun, was will man da machen? – Die Herbstzeitlosen sind sehr munter hier angekommen. Sie sind "doppelseitige Blumen." Sie machen Freude durch ihre Schönheit, und Wehmut durch ihre Bedeutung. (Ich sehe dabei immer eine Wiese unterhalb Stokinger.) Sie sind mir lieb, weil diese Sendungen nun auch ein festes Symbol der Treue geworden sind, und sie lassen mich jedesmal doch auch schmerzlich fühlen, daß wir sie nicht zusammen pflücken konnten. Manch
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|mal, besonders mittags auf der Chaiselongue, wird die Sehnsucht in mir so stark, daß ich aufspringe und die Qual erst einmal gewaltsam abschütteln muß . –
Was in dem kleinen Notizbuch steht, ist für einen 22/23 jährigen nicht schlecht gesagt; es ist geradezu prophetisch, und ich wüßte es jetzt auch nicht besser auszudrücken. Habe Dank für die "Erneuerung" – 40 Jahre fast sind keine kurze Zeit! Dann legt sich wieder auf alles die Gegenwart mit ihrer Wucht. –
Seit dem 9.9. haben wir hier mit einer Pause von 2 Tagen 6 Nachtalarme und einen vollen Tagesalarm gehabt. Sie waren sämtlich harmlos, auch keiner über 1½ Stunden. Aber es ist doch immer eine große Aufregung, und es wirkt schließlich auf den ganzen Kräftezustand. Auch hört man und liest man immer mehr von schwer Geschädigten in der Bekanntschaft, wie Du von Dr.
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| Henning und Matthys. Frl. Gepperts Dienststelle in München ist ausgebrannt und verlegt; die Landhausklinik hier betroffen etc. etc.
Meine Privatarbeit hier hat sich auf Goethe beschränkt. Ich habe in Massen Material gesammelt für meinen Vortrag "Goethe über die Phantasie." Eigentlich wollte ich jetzt los von solchen Studien; aber sie gehen noch am leichtesten fort. Der Kriegsteilnehmerkursus hat mit einer Durchschnittszahl von 12 Teilnehmern 3mal stattgefunden. Andere haben keinen Kurs zustande gebracht. Über allem aber liegt – der August 1918.
Besucht habe ich m. militärischen Freund, der denselben Ausdruck brauchte, Titze, Zymalkowski. Besuch hatten wir von Frl. Keferstein (abgebrannt), Bernhard Schwarz, [über der Zeile] Wachsmuth, Ulrich Löwenthal jr. Lubowski¹) [re. Rand] ¹) stark geschädigt u. heute von dem Ehepaar Prof. Flößner aus der Nachbarschaft, mit denen ein Dauerverkehr sehr hübsch wäre. Aber zunächst wird seine Dienststelle ebenfalls hinausverlegt (Reichsgesundheitsamt.)
Vorträge in Helsinki, Schweden und auf Rügen habe ich abgelehnt.
Hilda v. Dirksen ist nach langem Leiden gestorben. Auf meine Kondolation erhielt ich den ersten warmen persönlichen Brief von ihm.
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Wir waren auch in Potsdam und haben den Zukünftigen kennen lernen. Die Situation war etwas schwierig. Am Mittwoch ist in der Garnisonskirche und im Hause die Hochzeit. Ich werde im 2. Frack des Brautvaters teilnehmen.
Morgen (27.9.) ist Frankes 80. Geburtstag, in Ballenstedt/Harz, Hans Bethanien. Leider teile ich Dir dies zu spät mit.
Die Dinge gehen unerbittlich und eindeutig ihren Gang. Mythen ändern nichts daran. Die Sprache vieler Straßen, durch die ich gekommen bin, ist ebenfalls eindeutig. Hier ist es seit einigen Tagen empfindlich kühl, was auch auf die Stimmung drückt. Trotzdem ist die Natur – wir waren einmal kurz in Grünau – die einzige Trösterin. –  –
Über manches ließe sich noch viel reden, aber nicht schreiben. In Berlin ist es doch bedrückend still. Erinnerst Du Dich, wie wir 1918 über dem Heidelberger Bahnhof die frz. Offiziere trafen?
Ulrike war ein Greisentraum. Reinhild v. H. ist eine so erquickende Realität, daß man nicht zum Toren wird, sondern sich an der einfachen Tatsache freut, daß sie da ist.
Für heute schließe ich mit tausendfältigem Dank, um noch im 6. Band der 8 Bände Goethebriefe mein Nachtpensum zu lesen.
<li. Rand>
Innigst Dein Eduard
Susanne grüßt herzlich.

[re. Rand] Wie geht es Carl Ruge? Und der Vorstand??
[Kopf] Lore, die uns für abwesend hält, will unsern Hausschlüssel haben, um das Gemälde von Lugo nach Göttingen in Sicherheit zu bringen. <li. Rand> Darauf antworte ich nicht