Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 16. Oktober 1943 (Dahlem)


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Dahlem, den 16. Oktober 43.
Mein innig Geliebtes!
Die 3 Flaschen Wein sind wohlbehalten hier angekommen. Der Bulgare hat schon zur Hälfte dran glauben müssen. Es ist doch eine große Hilfe, wenn ich jeden Abend ½ Flasche trinken kann. Sonst würde ich jetzt nur schwer einschlafen; so aber hebt sich auch die Stimmung, und man wird von naheliegenden Gedanken abgelenkt. Es ist trotz allem eine verkehrte Welt, daß Du nur immer für mich sorgst und ich für Dich garnichts Stärkendes habe.
Noch freudiger aber wurde Dein Brief begrüßt; denn ich war ernstlich in Sorge; es braucht ja nicht immer ein Fliegerschaden zu sein; allerlei andre Gefahren lauern auch auf den geschwächten Menschen. Am Dienstag war der seltsame Landarzt Hübschmann aus Neckargemünd bei uns, sehr willkommen, weil man dann doch wieder mündlich etwas von Heidelberg hört.
Die Liste der Toten aus der letzten Zeit ist wieder groß: Frau Prof. Bauch, Geheimrat Schmaltz (der mich 1911 berufen hat), der Sohn der Christliebe Jeremias (einst Studentin in Leipzig) und die Frau des Kurators Büchsel.
Zwei Tagestouren haben wir gemacht: Mit Hedwig Koch nach Woltersdorfer SchleuseGrünheide, wie einst wir, und vorgestern mit den endlich aus Baden-Baden in die stark mitgenommen Dahlemer Wohnung zurückgekehrten Glasenapps nach Sakrow. Besuch hatten wir von Marianne Honig, von Haasens aus Johannesmühle (wie schon berichtet.) Demnächst wird Senzoku kommen, der jeden Abend nach Freienwalde hinausfährt. Und heute Nachm. werden wir zu Tigges gehn (ebenfalls geschädigt.)
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Der Kriegsteilnehmerkursus ist gestern beendet worden. Der Vortrag für Leipzig (8.XI.) " Goethe über die Phantasie" ist in der mündlichen Fassung fertig; er ist auch abgeschrieben und nach außerhalb gesandt. Das Material aber gibt sehr viel mehr her, als in den Vortrag hineinging. Jetzt bin ich bei etwas Religionsphilosophisch-Christlichem, das auf einer sehr eigenartigen Grundlage aufgebaut wird. 50 Seiten von diesem (jetzt nicht druckbaren) Ms sind auch schon fertig; aber ich weiß noch nicht recht, wie ich den 2. Teil machen soll. Du siehst, ich bin nicht ganz faul. Im Juli habe ich begonnen, am Schluß jedes Abends etwas in einer 8bändigen Auswahl von Goethes Briefen zu lesen. Heute Abend komme ich nun mit den 3000, sehr ergiebigen Seiten zum Schluß. Nebenbei hatte ich noch mit 4 Dissertationsentwürfen zu tun, von denen nur einer ziemlich brauchbar ist (Über den Humor.)
Frl. Jung hat in Hannover nach ihren Eltern und ihrem verheirateten Bruder gesehen. Den letzteren, der total bombengeschädigt ist, hat sie nicht erreicht. Die Zerstörungen sollen in einzelnen Vierteln schlimmer als in Hamburg sein. Sie fängt nun an, zu meditieren.
Den "Erdgeist" brauche ich jetzt nicht, und das Schreibmaschinenexemplar des Lebensalterkursus war überhaupt gesandt avec l`hommage de l'auteur zum dauernden behalten.
Den Schulrat Gans habe ich als Geschichtslehrer für den jungen Grafen nach Neu-Hardenberg empfohlen. Hoffentlich geht es glatt. Er ist ein tüchtiger Historiker, leider aber gestand er mir erst nach der Zusage seine stille Überzeugung, daß "jene Klasse" ecrasiert werden müßte. Nun .......
"Fragebogen" laufen überall um. Bei uns sind 3 Zimmer "beschlagnahmt" worden. Dies kann natürlich sehr bald praktisch werden für Bombengeschädigte, dient aber vorläufig zur Beschäftigung derer, die alle Mo<li. Rand>nate mit den Fragebogen herumgeschickt werden. – Ich wollte Dir heute eigentlich einen recht inhaltsreichen Brief schreiben, sehe aber, daß mir das in keiner Weise geglückt ist. Zum Ersatz lege ich nach langer Pause wieder einmal <re. Rand> eine Probe aus meiner Feldkorrespondenz bei, von einem Unbekannten. MöllerFrankfurt behauptet, ich sei durch einen seltsamen Umstand schuld daran, daß sein Schwiegersohn Reeh Direktor in Kelheim geworden ist. Sei doch so gut u. gehe nicht immer gerade nach Dielbach, wenn das Wetter rauh u. schlecht wird. Wir heizen schon.
Innigste Wünsche u. Grüße Dein Eduard.
Susanne dito.