Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 26. Oktober 1943 (Berlin/Dahlem)


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<Stempel: Prof. Spranger
Berlin-Dahlem
Fabeckstraße 13>
26.X.43.
21 ½.
Mein innig Geliebtes!
Mein innig Geliebtes!
Von Freienwalde mit 1 Stunde Verspätung nach Hause gekommen (weil in Eberswalde keine Lokomotive für unsren Zug aufzutreiben war!) werde ich endlich durch Deinen lieben Brief beglückt. (Auch der von Häbler hat mich wahrhaft erquickt!) Aber sonst lag ein solcher Stoß von Post da, daß ich – ohnehin müde – ganz nervös geworden bin. Weiß der Teufel, warum alle Welt mir ihre Privatmanuskripte zur "gefälligen" Durchsicht genau in der Woche vor Semesterbeginn schicken muß! Ich hatte mich so schön freigearbeitet. Nun ist wieder eine Last da, die einen den Gedankengang
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| zerreißt.
Dir will ich heute nur auf die aktuellen Fragen schnell antworten.
1) Quitten sind noch nicht angekommen; wir sind also noch nicht "quitt". Aber dankbar bin ich im voraus. Die Kiste soll zurückgehen – kein Wink!, ich bin recht gut versorgt. Der Wein ist konsumiert.
2) Als der Heeresbericht "Angriff auf Landgemeinden" meldete, hatten wir hier einen 2stündigen, in seiner Art recht aufregenden Alarm. Die Hauptmasse (200) wandte sich jedoch auf Dessau und Leipzig. In Leipzig haben 3 Verlagshäuser gebrannt, und da Reclam auch dabei war, wird der "Bildungswert der Heimatkunde" auch konsumiert sein. Du siehst, wie gefährdet die Landgemeinden sind!
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3) Ein nicht 4stöckiges Haus nahe am Heidelberger Bhf. muß als unsicher gelten. Zwar ist das obere Teil unserer Depositenkasse, in deren Keller unser Tresor ist, auch bereits demoliert. Aber bei einem 4stöckigen Haus ist das nicht so schlimm. Bis unten ist nichts durchgekommen. Ich empfehle: teile die Masse zwischen dem jetzigen Ort, Dielbach und Deiner Wohnung, aber so, daß Du Dich auf der Fahrt nach Dielbach nicht durch Schlepperei schädigst!!
4) Ich habe vom Inselverlag 50 Exemplare erhalten, die nicht für den ersten Bedarf reichen. Denn ich muß viele Wohltäter bedenken, die mich mit durchfüttern (z. B. Frl. Krogner, Kiehms, Köstlbacher, [über der Zeile] Senzoku (Zigarren) den Weinfreund Riemerschmid etc.). 10 Exemplare habe ich nachbestellt. Der großzügige Kippenberg will sie mir schenken. Davon bekommst Du noch 2 Exemplare. Bis heute hat kein Buchhändler
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| auch nur 1 Stück erhalten. Alles andere ist Lüge. Bestelle bei Deinem Hauptbuchhändler noch eines u. versuche ein 4. anderswo zu bekommen. Teile mir die Kosten bitte mit. Die vorhandenen 5000 Exemplare sind jetzt natürlich in 1 Woche restlos weg.
Der religionsphilos. Aufsatz ist so gut wie fertig. Er soll, nach der Zeitwende!, mit der Weltfrömmigkeit u. dem Glaubensaufsatz ein kleines Buch bilden. Susanne muß immer gleich das werdende Ms. abschreiben, damit 2 Exemplare da sind. Das ist eine große Mühe für sie.
Morgen höre ich einen Vortrag, übermorgen spreche ich für eine Berliner Flakstellung, Freitag kommen Zymalkowskis. Sonntag der Neffe Leutnant Rutker, dann beginnt das Semester, dann folgt Leipzig, dann 2 Goethevorträge in einem Damenkreis der Frau v. Grimm, Tochter v. Posadowsky. Es ist ein bißchen viel. In Hardenberg, wo man uns immer wieder zurückruft, entfaltet der Schulrat Gans am jungen Grafen als Historiker eine nützliche Lehrtätigkeit.
<li. Rand> Wir haben heute Nebel, was wohl ein Schutz ist. Hannover ist erledigt eie Hamburg. Kommt nun Leipzig an die Reihe oder wir? Freienwalde war ein <re. Rand> stilles Gedenken, wie es meiner Natur wohltut. Dort bildet sich auch eine meiner "Heimaten". Aber ich bin nun – um 7 fortgegangen – um 22 todmüde.
Innigst Dir nahe! Dein Eduard.

[re. Rand S. 3] "Die große uranfängliche Linie unserer Beziehung" – ja, darauf kommt es an, und wenn ich Goethe lese, freut es mich immer wieder, daß auch ich meine Linie bescheiden, aber treu, ausgezogen habe. "Mit Dir"! Ganz und gar!
[li. Rand S. 2] Der wahrhaft edle Okubo (Marquis) ist gestorben. Das ist mir ein schwerer Verlust! Das neue Institut in Tokyo, ist eingeweiht. Ich habe es veranlaßt. Hier war auch eine Feier, aber – ohne mir! natürlich.
[re. Rand S. 1] Der letzte Goethevortrag im Buch ist in Königstein etwas verdeutlicht. Er bleibt sehr schwer, ist aber eigentlich das Tiefste in dem populären Ganzen. Du hattest natürlich einen Sonderabzug.
[li. Rand S. 1] Nur nicht im Dunkeln eilig sein! Überhaupt, auch bei Tage, müssen Du und ich bedenken, daß wir mit unsren Knochen sehr vorsichtig sein müssen. Das behalte ja im schwachen Kopf!!