Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 6. November 1943 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 6. November 43.
Mein innig Geliebtes!
Du rüstest Dich wohl heute zur Fahrt nach Dielbach, während wir morgen nach Leipzig fahren. Ich will vorher noch einmal schreiben; denn gleich nachher wird sich allerlei zusammendrängen. Leider sitzt eine Erkältung in mir; ich fühle mich frostig, und des Reisens bin ich so entwöhnt, daß mir die Fahrt wie ein Berg bevorsteht. Von Dir aber hoffe ich, daß Du diesmal die übliche Dielbacher Erkältung nicht mitbringst. Am Mittwoch willst Du zu Trautz gehen, was möglicherweise sehr lange dauern wird. Du könntest ihn ja von mir grüßen. Er ist ein geistvoller, aber oft ein wunderlicher Mann.
Die Quitten sind eingetroffen, und
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| die erste Portion hat sehr gut geschmeckt. Susanne und ich danken herzlich. Dextropur etc. kann noch nicht da sein. Du bist immer um meine Auffütterung bemüht. Wirst Du nach der Rückkehr von D. noch weiter für die Augenklinik zu zeichnen haben? Leider ist gerade die dunkelste Zeit – nicht nur im Hinblick auf den Jahreslauf.
Der Einschränkung der Elektrischen in H. (für den Trautzvortrag besonders unangenehm) entspricht hier das frühe abendliche Einschlafen unsrer Omnibusse. Aber man geht ja abends nicht mehr aus, wenn man nicht muß. Gestern hatten wir schon um 8 einen Alarm, der allerdings nur ¼ Stunde dauerte.
Die 10 zusätzlichen " Goethes" sind noch nicht eingetroffen. Ich werde in Leipzig daran erinnern.
Wenn ich dachte, diesmal komme
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| es nur zu einem dürftigen Semester, so wurde ich eines anderen belehrt. Die Vorlesung "Einleitung in die Phil.", die heute zum 2. Male stattgefunden hat, muß in den großen alten Friedenshörsaal verlegt werden; es sind über 350 da. Und in den Übungen (philos. Grundfragen der Psychologie) mußte ich – auch wegen Platzmangels – schon 10 Bewerber abweisen. Da ich den Objekten jetzt gewachsen bin und auch genügend Zeit zur vollen Vorbereitung habe, macht mir der Lehrbetrieb viel Freude. Die erste Sprechstunde dauerte über 2½ Stunden; von den Ausländern erfährt man immer allerhand Neues, selten Gutes.
Neffe Leutnant Rutker war da (der älteste.); sehr ernst, beinahe empfindet man solche Begegnungen als tragisch. Sein Vater (Oberstabsarzt d. R.) ist in Lahr und erlebt zum 1. Male den Charme von Süddeutschland.
Man lebt trotz der Unruhe der Zeit in tieferen Betrachtungen. Ich kann nicht sagen,
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| daß mir alle Früchte gereift sind; aber ich empfinde mein Leben als sinnvoll, nicht als zufällig. Unsre Gemeinsamkeit von 40 Jahren hat den absolut festen Kern gebildet, und die Vorsehung hat es schließlich noch fertig gebracht, mir eine Frau zu schenken, die unbedingt reinen, edlen Charakters ist, in genau all den Lebensverhältnissen stark, in denen ich schwach bin; durch ein gerades Empfinden bricht ein immer größeres Maß von Sanftmut und Güte durch, das sie aber bezeichnenderweise auf Worte nur bringt gegenüber kleinen Hunden. Solche Verräterei der Natur ist sehr niedlich. Du siehst: es geht mir in meinen 2 Hauptbändern zum Leben sehr gut.
Morgen werden wir nun Kiehms und Litts sehen (beide schon etwas fensterbeschädigt!), dann Kippenbergs, Klotz, hoffentlich Regine v. Strümpell u. Frau Rohn, deren Sohn einem Unglücksfall erlegen sein soll. Dienstag wollen wir so rechtzeitig fahren, daß wir noch bei Tage hier sind. Ida bleibt 2 Nächte allein – nicht im Hause, sondern im Alarmfall bei Hertzens. Mir wäre schon lieb, wenn es hier u. dort ohne Alarme ginge; denn ich bin etwas klapprig. Beim "Fürstenhof" in Leipzig soll ein sehr guter Banker sein.
<li. Rand> Filtners sind alle in Hamburg, Böhm in Hannover scheint unbeschädigt. Hoffentlich ist es auch der kleine Scholz. Nun will ich schließen, um die übliche halbe Stunde Schönes zu lesen. Aber ich finde nichts, was Goethe gleichkommt. Shakespeare wie Reuter <re. Rand> erwiesen sich als beschwerlich. Innigste Grüße! Dein Eduard.
[li. Rand S. 2] NB! Bitte ja nichts als Expreßgut schicken. Das ist kaum hier herauszubekommen.
[re. Rand S. 3] Wenke hat seit 2 Monaten nicht mehr geschrieben.
[re. Rand S. 1] Die – Kroaten haben die "Lebensformen" übersetzt, ohne um Erlaubnis zu fragen.