Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 16./17. November 1943 (Berlin/Dahlem)


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<Stempel: Prof. Spranger
Berlin-Dahlem
Fabeckstraße 13>
16.11.43.
Mein innig Geliebtes!
Ich will mal schon immer anfangen, zu schreiben, obwohl ich heute Abend nicht weit kommen werde. Zunächst das "Geschäftliche". Die Weinkiste ist gestern angekommen, aber noch nicht ausgepackt. Herzlichen Dank. Von mir sind unterwegs 1) 3 Bände Goethe. 2) 400 M an die Heidelberger Bezirkssparkasse, womit Du dann knapp die Hälfte des Dir 1943 zustehenden Mindestbetrages erhalten hättest. Erkundige Dich danach mal so in ca 14 Tagen.
Unsre Fahrt nach Leipzig ging – beim ersten flüchtigen Schneefall – gut, weil wir 1½ Stunden vor Abfahrt im Dzug saßen. (Zurück über Halle im Pzug, 6 Stunden, aber ebenfalls ohne Kampf.) Wir wohnten
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| im Hôtel Fürstenhof ganz gut. Unser erster Besuch galt den Geschwistern Kiehm, dann waren wir bei Litts zum Abendbrot. (Alfred Litt auf der Krim. –) Montag um ½ 10 waren wir wieder bei Litts (philosophierend), dann ich bei Klotz, nachher wir beide bei Kippenberg im Inselverlag. Vor dem Vortrag ging alles schief: keine Elektrische zu bekommen, eiliger Besuch bei Regine Strümpell (nett), dann mußte ich mit den Honoratioren bis zur Erschöpfung stehen (darunter Korffs.) Endlich ging mir der Kragen auf, und während der ganzen Aktion löste ich mich in der Gegend immer weiter auf, so daß die Teile nur so herumflatterten. Trotzdem ließ ich mich nicht aus der Stimmung bringen. Der schöne Saal, die 800 dankbaren Zuhörer beschwingten mich. Hinterher aber ging es wieder schlimm her. Ich nenne nur aus der Zahl der Begrüßer:
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| Schönebaum, Möckel, Schröblers Tochter (Dozentin) studierende Tochter m. damaligen lieben Schülers Kästner, älteste Tochter v. Harnack, Gretchen Stolze (!) – unidentifizierbare Greisin – mit ihrer Schwester, Prof. Tiemann, der Maler, und viele andere.
Wir gingen mit Beutler [über der Zeile] Frankfurt/M. und Litts in ein Hôtel, wo wir dann eine bedeutende Rundfunkrede hörten und früh Schluß machten. Am nächsten Morgen konnten wir vor der Abfahrt nur noch 10 Minuten ins Rosenthal gehen. ½ Bromural hatte mir zum Schlaf verholfen. Zu Hause mußten dann noch 2 Vorlesungsstunden für den nächsten Tag vorbereitet werden. Der ganze große Hörsaal, den Du kennst und den ich [über der Zeile] früher immer benutzte, ist voll. Darunter der General v. Rabenau, der als jetziger Lic. summa cum laude der Theologie zum alten Eisen geworfen ist. Diesen großen Kreis zu packen, kostet natürlich viel Kraft. Am
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| Freitag im Seminar (ca 45) gelang es mir dann schlecht.
Heute habe ich für den Kreis der Frau v. Grimm u. Frau Petersen, [über der Zeile] d. h. für 50 vornehme Damen, den ersten von 2 Vorträgen über "Goethes Lebensanschauung" gehalten, ganz neu gemacht und wirklich nicht schlecht. Morgen ist wieder Vorlesung.
Munk, der Mediziner hat mir für m. Goetheband geschenkt: die Oeuvres du philosophe de Sanssouci, illegaler Druck von 1760, den Éloge de M. Voltaire von 1778 und eine Flasche französischen Cognac.
Am frühen Abend hatten wir manchmal Alarm, aber es scheint, daß der Nebel stärkere Unternehmungen hindert. Über Cassel hörten wir durch Beutler Entsetzliches. Es tut weh, zu denken, daß die schöne Stadt nicht mehr besteht, und daß die Opfer so schwer waren (40000??) [unter Zeile] (jemand sagt heute, 17.XI, 80% zerstört. Schluß für heute.

<re. Rand>
Innige Grüße und alle guten Wünsche, auch von Susanne,
Dein Eduard.

[li. rand] 17.XI. Neuer Stoff für Fortsetzung ist eigentlich nicht da. Ich habe nur nachzutragen, daß wir am Sonnabend bei Günthers in Zehlendorf waren. Beide Kinder liegen mit Scharlach in Fulda. Daß Du sie gesehen hattest, war mir entfallen. Denn diese Nachricht kam in der aufgeregten Zeit.