Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 22. November 1943 (Berlin/Dahlem)


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22. November 43, 23 Uhr 10.
Mein innig Geliebtes!
Heute hatten wir, um ½ 8 [über der Zeile] 20 beginnend, einen sehr schweren Angriff. Es war starker Nebel mit etwas Regen. Niemand dachte daran. Dann zog es über eine halbe Stunde, wohl 40 Minuten, ununterbrochen über uns hin, wie damals bei Mainz. Der Westen schien nicht Angriffsziel. Aber gleich im Anfang gab es nahe bei uns eine schwere Detonation. Flak in der Nähe meldete sich wenig. Aber mehrere Luftminen hörten wir deutlich. Der Alarm dauerte fast 2 Stunden. Das Licht ging aus, kam aber nach 1 Stunde wieder. Nachher war es so hell, wie bei Mondschein, obwohl man normaler Weise sich nur in dicker Finsternis hätte forttasten können.
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| Im Hause ist kein Fenster entzwei. Nur am Dach ist ein kleiner Schaden. In der Mitte der Fabeckstr. (jenseits des Museums) soll eine Luftmine schweren Schaden gestiftet haben. Auch in Dahlem, besonders Gegend Podbielski-Alle, sah man Brände. Wir gingen bis zu Meineckes, die leider zurückgekehrt sind. (Schon vor 3 Tagen war eine unangenehme Nacht. [über der Zeile] 2½ Stunden.) Dort war alles in Ordnung.
Der Mensch ist in solchen Augenblicken wie ein geängstigter Hund. Wir haben – aus Vorsicht – zu dreien im Keller geknietx) [li. Rand] x) um unter dem Erdniveau zu sein. und gezittert. Was geschehen ist, weiß ich natürlich noch nicht. Vom Nordwesten bis zum Osten war der Himmel hell. Jetzt ist es dunkler.
Dies zur ersten Nachricht, im Sinne unserer Vereinbarung.
Innigst Dein Eduard.