Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 23. November 1943 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, 23.XI.43.
22 ¼.
Mein innig Geliebtes!
Wann wirst Du dies bekommen? Ich schreibe nach dem heutigen Angriff, der mindestens so lang [über der Zeile] ½ 8 – ½ 10 Alarm. und schwer wie der gestrige war.¹) [re. Rand] ¹)cf. Brief vom 22. Abends 10 Uhr, heute früh eingesteckt. Das Vorüberrollen dauerte wieder über 40 Min. Gleich im Anfang nicht allzufern schwere Sprengbombe, dann noch eine. Sonst ging es in Dahlem gnädiger als gestern, und am Hause ist kein Schaden zu bemerken. Feuerschein im Nordwesten und Norden deutet auf Spandau, Siemensstadt, Pankow etc. Es war bei uns so hell, daß ich Ida draußen erkannte. In der Gegend Meinecke schien es zu brennen (Haus neben Niemöller stand in hellen Flammen.) Deshalb ging ich mit Ida zu Ms., sprach Frau M.
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| und Töchter. Alle Scheiben entzwei; Läden herausgerissen (er liegt mit leichter Bronchitis, sie über jeder Situation, einzigartig.) Da beide Töchter da waren, zogen wir wieder ab.
Ich habe mich heute um ¾ 9 in die Stadt begeben und war um 10 im Seminar. U.-Bahn nur bis Fehrbelliner Platz; ich fuhr von Schmargendorf nach Tempelhof. Die Nord-Süd-Ubahn funktionierte. Von Kochstr. ab schon unten Brandgeruch. Als ich am Bhf. Friedrichstr. emporstieg, war das erste: Onkel Schwalbes Schule halb ausgebrannt, noch qualmend, Feuerwehr beschäftigt. Im Seminar kein Schaden, obwohl Brandbomben aufs Dach gefallen waren. Im Philos. Seminar Brandbombe genau auf den Platz, wo der Direktor sitzt, gefallen, dort gelöscht.
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| Mein großer Hörsaal Dorotheenstr. 6: Fenster entzwei. Der kleine wird nun genügen. Singakademie ausgebrannt.
Die Stadtbahn unterbrochen, anscheinend schwer. Die Wannseebahn geht nur bis Schöneberg in die Stadt hinein.
Nach verbürgtem Hörensagen: Zeughaus z. T. beschädigt, Bhf. Zo schwer, Bhf Friedrichstr. leicht, Kaiser Wilhelm-Gedächtniskirche eingestürzt (?) [li. Rand] {Zentral betroffen Königstr.Alexanderplatz kaputt. Mehr nicht zu erfahren. Überall geht man auf Glashaufen, eine fröhliche Menge fischt u. angelt Äpfel, die auf der Spree treiben (anscheinend Kähne zerstört.) Ich war noch bei Faber im Hospiz Bhf. Friedrichstr. – noch nicht eingetroffen. Hoffentlich ist der 81jährige vor Berlin umgekehrt.
Klara Rauhut – vor 4 Wochen bei Alarm Oberschenkelhalsbruch, liegt seitdem. Röntgenaufnahmen zu spät, "eingeklemmt." Mindestens bleibt Bein kürzer.
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Man muß mit Forts. morgen rechnen. Die Reviereinteilung scheint deutlich. Es geht nun auf den Osten zu. Aber überall "kleckert" es daneben. Erwähnte Gegend Fabeckstr. (43/44) sehr schlimm. Glasenapps dicht dabei, wenig geschädigt.
Verzeih, daß ich so zusammenhanglos schreibe. Es muß sehr schnell gehen. Morgen will ich um ½ 8 fort zum Kolleg – wenige werden kommen können. Der heutige 2. Damenvortrag ist ausgefallen. Telephon gesperrt. Nur Jenny kann – qua Regierung – anrufen. Heute in Sorge wegen Sabine, die von Görlitz kommt, aber nicht durchgekommen ist.
Indem ich das rationelle facit aller dieser Dinge zu ziehen suche, bleibt mir der Verstand stehen. Aber ich weiß, daß viele Berliner Mitbürger à la Mutter Öppinger monatelang so ausgehalten haben. Das wird nun heimgezahlt. Gestern mußte ich vor einem Littauer (Schüler) erröten.
Sei und bleib gesund. Dein Eduard.

[li. Rand S. 1] Über der Innenstadt lag ein dicker Qualm, so daß man wenig erkennen konnte.