Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 25. November 1943 (Berlin/Dahlem)


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<Stempel: Prof. Spranger
Berlin-Dahlem
Fabeckstraße 13>
25.XI.43.  10½.

[re. Rand] 3. Brief. nach den Angriffen.
Mein innig Geliebtes!
"Unser" Berlin existiert nicht mehr. Verzeih, wenn der Bericht über diese Tatsache jetzt anderes in den Hintergrund drängt. Ich nehme teil an Deinem neuen Verlust, den Tode der verehrten Frau Wille; das weißt Du.
Dextropur u. Erdgeist hatte ich wohl schon dankend bestätigt. Von den Flaschen war leider eine zertrümmert, nicht zerbrochen. Sonst sehr gut.
Gestern kurz nach ½ 8 machte ich mich auf in die Stadt, in der Absicht, vor wenigen Hörern doch eine Teilvorlesung zu halten. Ich wollte wieder über SchmargendorfTempelhof fahren. Aber Schmargendorf – Wilmersdorf war nun auch unterbrochen. So fuhr ich noch bis Fehrbelliner Platz weiter, um von dort zu Fuß zu gehen. Denn im Inneren der Stadt ist keine Elektrische und kein Omnibus in Betrieb. Vom F.-Platz
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| bis Berlin Universität war fast kein Haus, das nicht mindestens im obersten Geschoß zerstört war. Über Trümmer ging ich zunächst den Hohenzollerndamm entlang. Unser Bankgebäude zum 2. Mal getroffen; Büro außer Betrieb; Keller schien intakt. Die große Kirche am Hohenzollernplatz aufgespalten. Der Blick in die Kaiserallee zeigte gleiche Zerstörungen. Am schlimmsten wurde es in der Nürnberger Straße, wo fast nur noch Schutthaufen, z. T. brennend, flankierten. Eine Sprengbombe war dort in den Schacht der U-Bahn gefahren, lag offen. Femina-Palast – der Dreck – äußerlich wohlbehalten. An der Tauenzinstr. sah man durch den dicken Qualm, daß das K. d. W. ausgebrannt war. Bhf. Wittenbergplatz soll über einem Zug zusammengestürzt sein. Das Bewaghaus [über Bewag] <unleserl. Einschub> in der Nürnbergerstr. war vorn von Schuttmassen blockiert. Der Zool. Garten stand nach dem Kurfürstendamm zu offen. (Kirche nicht zu sehen – Qualm – soll eingestürzt sein.) Das Haus der Wally Guttmann stand. An der Drakestr. keines von den schönen Häusern erhalten. In der Tiergartenstr. die neuen
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| Botschaften, auch die Japanische, schwer mitgenommen. Ich hoffte im Tiergarten schneller vorwärtszukommen. Aber Wege waren kaum noch erkennbar. Große Bäume u. Sprengtrichter blockierten. Ohnehin war ja alles verwilddert. Aber jetzt war es ein Chaos geworden.
Das Brandenburger Tor stand. Die Häuser links am Pariser Platz alle kaputt, rechts (Adlon) etwas besser. Ich sah noch in die Wilhelmstr. hinein, wo es mehrfach brannte, auch das Kultusministerium. Nun aber kam ich Unter den Linden nicht weiter, weil der Qualm das Atmen und Sehen hinderte. Ich bog in die Neue Wilhelmstr. ein. Die Heeresbücherei (alte Militärakademie) ausgebrannt. Ein Riesenstück Blechdach hing an dem Draht der Elektrischen und machte, vom Sturm geschaukelt, schreckliche Musik. Das physikal. Institut brannte noch. Am Schiffbauerdamm sah ich, wie auf der anderen Seite eine Ruine zu Pulver zusammenfiel. Ich ging an der Spree weiter bis zur noch brennenden Frauenklinik, dann in die Universitätsstr. hinein. Das Seminar war völlig unbeschädigt. Fr. Jung hatte einen Zettel
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| hinterlassen, daß sie aus ihrer Wohnung im Domkandidatenstift herausmüsse: Monbijou und das Zentralpacketpostamt getroffen. Endlich kam ich nach 1 Stunden 20 Min Weg in das Auditoriengebäude, 20 Minuten zu spät. Mein kleinerer Hörsaal war unbeschädigt, aber leer; der große Hörsaal ohne Fenster, Asche auf den Bänken. Gleichzeitig eine mächtige Detonation. Eine besinnliche Studentin und den Heizer sprach ich. Sie sagten vielsagende Worte. Als ich fortgehen wollte, traf ich einen jungen Leutnant an Krücken, entzückendes deutsches Jünglingsgesicht (hieß Natalis). Er war zur Vorlesung gekommen. Es sollen nur 30 dagewesen sein. Wir verstanden uns und schieden bewegt.
Nun ging ich in die Universität. Dort nur alle Fensterscheiben entzwei. Dekanat völlig ausgeräumt, kein Dekan, kein Kurator anwesend. Eisiger Zug in den Gängen. Draußen sah ich in dem tiefen Nebel nur die Ruinen des Palais vom alten Kaiser, Neue Aula soll ausgebrannt sein. Man sah nicht weiter als bis zum eingemauerten Denkmal vom alten Fritz. Bibliothek u. Akademie geschlossen. Kein Saal benutzbar. Ich meldete mich für heute ab.
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Durch die Universitätsstr. u. Ziegelstr. kam ich in die obere Friedrichstr. Dort nur Fensterschäden, also anscheinend Angriffsgrenze (jedoch sollen Königsstr. u. Alexanderplatz demoliert sein.) Im Hospiz kam mir Faber entgegen; er wollte zu Besuch nach Potsdam. Ich beredete ihn, sofort über Potdam abzureisen. Wir nahmen seine 2 Handtaschen, fuhren mit der U-Bahn erträglich bis Tempelhof, dort unsagbarer Leiberkampf im Zuge nach Schöneberg. Von Schöneberg ging die Wannseebahn in Richtung Potsdam. Ich begleitete ihn bis Lichterfelde und holte dort noch etwas Geld. Denn wie es mit der Bank wird, ist zweifelhaft. Erschöpft kam ich zu Hause an.
Nachm. nun Dahlem. Die eine der beiden Sprengbomben, deren Pfeifen wir gehört hatten, ist in der Königin Luise Str. niedergegangen und hat das Arndtgymnasium zerstört. Bei Titze Fenster entzwei, Türen heraus, Dach zertrümmert. Ida hatte bei Meineckes den ganzen Tag geholfen.
Der mit Zittern erwartete Alarm kam
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| nicht, wie an beiden Vortagen, um ½ 8, sondern um ¾ 9. Es war Südweststurm mit etwas Regen. Wir hörten Schießen, aber nach 50 Minuten kam die Entwarnung. Im Norden war ein leichter Feuerschein; der kann aber noch von der vorigen Nacht gewesen sein. Denn selbst kleinere Häuser brannten ja noch. Wir haben nun einmal gründlich ausgeschlafen. Das Geschehen zu begreifen, wird noch lange Zeit erfordern.
Die Stadtbahn ist schwer beschädigt. Ob sie notdürftig repariert werden kann?? Jedenfalls habe ich für diese Woche alles abgesagt. Man kann allerdings jetzt wieder mit der Wannseebahn bis Potsdamer Bhf. fahren.
Dies ist meine heutige Geschichte. Wird es so weitergehn??
Ich grüße Dich innig. Mache Dir keine zu großen Sorgen um uns. Man darf annehmen, daß unsere Stadtgegend als "erledigt" gilt und daß nur noch die Flak, die aber ganz bescheiden schießt, Fliegerangriffe aufreizt.
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| Aber wie wird es in der Kurfürstenstr.? stehn? Ich konnte dort nicht langgehen, und unser Telefon ist für aktive Benutzung gesperrt. Ruges werden Dir ja auch schreiben.
Wir vertrauen, daß Gottes Wille so oder so geschieht. Aber die 1–2 Stunden Alarm sind furchtbar, das muß ich sagen.
Dein
Eduard

[] Friedrichstr. brannte gestern noch.
keine Zeitung mehr, heute noch keine Post.