Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 1./2. Dezember 1943 (Berlin/Dahlem)


[1]
|
Dahlem, den 1.XII.43.
Mein innig Geliebtes!
Deinen lieben Brief vom 26.XI. habe ich am 29.XI. erhalten. Erst seit heute kommt reichlicher Post durch, auch von total abgebrannten, wie Reimesch und Thiele. Ich hoffe, daß Du aus der vorigen Woche von mir 4 Briefe und 1 Karte nach und nach erhalten hast, insbesondere meine Nachricht über Deine Schwester. Seit Freitag, dem 26.XI. haben wir keinen Angriff mehr gehabt, nur 2mal bei Tage "Luftwarnung". Die Nerven sind aber immer noch auf jedes Geräusch in der Dunkelheit ängstlich gespannt. Wir gehen mit den Kleidern ins Bett und ziehen uns erst um 3 ganz aus.
Es ist unmöglich, von den Zerstörungen ein Bild zu geben. Um nur Kirchen zu nennen: Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche
[2]
| Dreifaltigkeit, Neue, Französische, Garnison. Die neue Aula ist ganz ausgebrannt. Nach dem letzten Angriff hat der Ostflügel der Universität beträchtlich gebrannt. Die Friedrichstr. habe ich nur von fern gesehen. Gsellius existiert nicht mehr. Dresdner Bank, Deutsche Bank, Wirtschaftsministerium, z. T. bis in den Keller gebrannt. Zwischen Fehrbelliner Platz, Zool. Garten, Lützowplatz, Innsbrucker Platz und Bayrischem Platz ist wohl fast alles kaputt. Aber auch im Norden soll es schlimm sein, bis Buch und Bernau hin. Man erfährt Einzelheiten nur langsam. Ist man durch solche Stadtteile gegangen, kommt man entmutigt mit erschöpftem Herzen nach Hause. Lubowski ist wunderbar gerettet und hat eine Karte geschrieben. Aschoffs Bruder (ca. 75.) völlig um alles gekommen.
[3]
|
Die Bahnen kommen allmählich wieder in Gang. Aber unsre U-Bahnlinie geht auch heute erst wieder bis Nürnberger Platz. Die Eisenbahnbrücke zwischen Friedenau und Schmargendorf ist eingestürzt. Eisenbahnwagen lagen auf der Straße. Aber genug von diesem Elend!
Wir haben seit 3 Tagen eine Bombengeschädigte im Hause, die schon im August betroffen und schwer verwundet worden war. Leider haben wir wenig Glück dabei entwickelt. Denn sie ist die Schwester des Staatsanwalts Hoffmann [über der Zeile] (Krantzprozeß), gegen den ich vor 5–6 Jahren genötigt war, einen Prozeß wegen Beleidigung einzuleiten. – Weitere Belegung des Hauses wird wohl kommen.
Trotz aller Verwüstung soll das Semester fortgeführt werden. Ich beginne schon übermorgen wieder. Aber ich habe das Seminar auf die unerfreuliche Zeit ½ 2–3 (statt 4–6) gelegt. Vorläufig brauche ich für jeden Weg noch über 1 Stunde.
[4]
|
Für heute mögen diese Mitteilungen genügen. Es ist 18 Uhr, und da beginnt schon die innere Unruhe. Nur noch dies, daß ich Popitz gesprochen habe, der zwischen den Trümmern der Singakademie und des Zeughauses merkwürdig wenig abbekommen hat, mehr jedoch zu Hause in Steglitz.
Innige Wünsche und Grüße
Dein
Eduard.

2.XII. Bitte erkunde bei Gelegenheit, ob die Geldsendung eingetroffen ist. Das ist jetzt alles in Unordnung gekommen. Postscheckamt funktioniert heute noch nicht