Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 2. Dezember 1943 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, 2.XII.43.   23 Uhr
Mein innig Geliebtes!
Auch der 4. Großangriff ist an uns gnädig vorbeigegangen. Welchen Stadtteilen er verhängnisvoll geworden ist, kann man noch nicht wissen. Es ist immer derselbe Grundverlauf: Ausbleiben der Sender, nach 10–15 Minuten Alarm, diesmal fast 30 Minuten bis zum Hörbarwerden der ersten Flieger; dann 40–45 Minuten Geräusch der (diesmal tieffliegenden) Heerscharen. Gesamtdauer des Alarms 1 Stde 50 Minuten.
Gleich am Anfang fiel nicht weit von uns ein Luftminensystem (so nenne ich laienhaft 4 schwere, unmittelbar zusammenhängende, also wohl aus einer technischen Quelle stammende Detonationen.) Sonst scheint in Dahlem nichts passiert zu sein. Diesmal ging es nicht ohne Schaden. Was am Dach zerstört ist, werden wir erst morgen feststellen können. Nach der Straßenseite sind mehrere
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| Fenster teilweise kaputt, anscheinend so, daß nur entweder Innenfenster oder Außenfenster. (Ich mache immer alle auf.) In meinem Arbeitszimmer ist außerdem eine Gardinenstange einseitig herausgetrieben. Aus dem Umweg, den die Autobusse machen, schließe ich, daß die Luftminen am U-Bahnhof Dahlem niedergegangen sind. Also das 4. Mal in der Königin-Luisenstr. Sie galten wohl immer der üblen Flakstellung hinter der Domäne.
Großer Feuerschein war in Richtung LichterfeldeMarienfelde, kleinerer in Richtung Neukölln sichtbar. Über die Schäden sagt dies nichts. Denn anscheinend arbeitet man mit Sprengbomben, die viel mehr ruinieren als Brandbomben.
Das Herz hat viel auszuhalten. Aber wie dankbar muß man sein, wenn man hinterher bei Licht etwas essen kann.
Heute kam Dein lieber Brief, abgestempelt 30.11.  16 Uhr. Ich war [über der Zeile] heute in der Akademiesitzung. In den Verkehrsmitteln ist es z. T. lebensgefährlich. Der Alarm kommt meistens pünktlich 3 Min. vor ½ 8.
Innige Grüße Dein Eduard.