Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 7. Dezember 1943 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 7.XII.43
Mein innig Geliebtes!
Der Angriff am Donnerstag, den 2.XII.  19½ war bisher für uns das Unangenehmste. Am Sonnabend 4.XII.  3 Uhr nachts war noch einmal 1½ Stunden Alarm mit starkem Fliegergeräusch; aber es geschah nicht viel; der Hauptangriff ging auf Leipzig. Die Luftminen am Donnerstag sind 400 m von uns niedergegangen. Sie haben das Schiff der katholischen Kirche (dicht neben der Post) zerrissen, so daß man jetzt von außen das Christusbild aufrecht stehen sieht (ein Mirakel!) Das Pfarrhaus ist ebenfalls zerrissen und die Post aufs neue beschädigt worden. Unser kleiner Dachschaden ist übrigens heute schon ausgebessert worden (ohne Cement, wie jetzt immer.)
Am Freitag habe ich das Seminar wieder aufgenommen (jetzt ½ 2–3) mit 24, statt 48.
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| Am Sonnabend habe ich auch die Vorlesung in kalten Räumen fortgesetzt (120 statt 500) und am Sonntag habe ich im gleichen kalten Lokal für die Goethe-Gesellschaft den angekündigten Vortrag vor 150 Leuten gehalten (was viel ist.)
Total betroffen sind also: Thiele, Lubowski, Frl. Lehmann (82 Jahre, Papiergeschäft), Frau Lüders, Hoetzschens, Koll. Schwietering. Einzelheiten erfährt man sehr langsam.
Sonnabend habe ich zum 1. Mal seit August wieder Meinecke besucht. Ich fand ihn fast unverändert, obwohl er eben krank gewesen war. Über Hanna Virchow wußte er nichts. Seine Hausschäden (vom gleichen Donnerstag [unter der Zeile] und früher) sind notdürftig repariert.
Am Sonntag im Vortrag war Gans da, mit immer erneuter Einladung nach Neu-Hardenberg, wo er gut wirkt. Susanne hat Frau Gomies besucht und heil getroffen. Hingegen hatten Laportes, ganz nah an der Kirche, wieder viel Schaden.
Der Forstmeister Faber [unter der Zeile] (Lüneburg) (81½) ist ein Freund des Scholzschen Hauses, der vor ca 7 Jahren in m. Vorlesung auftauchte und mit dem wir uns schnell sehr warm befreundet haben. Lebhafter, in<li. Rand>teressierter Kopf. – Die Tage sind schön, weil man nichts fürchtet. Um ½ 7 abends beginnt die Nervosität. Denn von den angekündigten 7 Angriffen sind erst 4 gewesen, <re. Rand> allenfalls 5, wenn man den ersten im Norden vom 18. Nov. mitzählt. Aber das sind ungewisse Daten. Das Wetter scheint garnichts mehr auszumachen.
<Kopf> Innige Grüße Dein Eduard. – Seit gestern erst ist die U-Bahn notdürftig in Gange.

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7.XII.43.  15 Uhr.
Soeben kam Dein Brief vom 23. Nov.! Der ist ja nun wohl überholt, mit Ausnahme der Fragen wegen der beiden großen Briefe. Die sollen bei Dir bleiben. Sie enthalten 1) meine amtl. Berichte über Tätigkeit in Japan. 2) Zeugnisse meiner amtlichen Laufbahn und ein paar Photographien, die ich nicht verlieren möchte. Alles aber sind Sachen. Im Ernstfall hast Du nur an Deine persönl. Rettung zu denken.