Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 18. Dezember 1943 (Berlin/Dahlem)


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<Stempel: Prof. Spranger
Berlin-Dahlem
Fabeckstraße 13>
18.12.43.
Mein innig Geliebtes!
Ich muß es leider gestehen, daß ich diesmal buchstäblich garnichts zu Weihnachten für Dich habe. Die mir bekannten Buchhandlungen sind verbrannt. An die Ersatzstellen konnte ich wegen der aufregenden letzten Tage nicht gehen. So bleibt nichts als das Innere. Aber das ist viel, und Du wirst es ja, wie jedes Jahr, fühlen, daß niemand Dir so von Herzen nahe ist, wie ich. Wenn man nach diesem Jahr noch beieinander ist und sich des guten Vergangnen freuen kann, so ist es viel, und ich bin der Vorsehung dafür von ganzen
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| Herzen dankbar. In diesem Gefühl laß uns aneinander denken und die Hoffnung bewahren, daß es in der Welt noch einmal heller wird!
Es ist schade, daß aus Deinem Plan mit dem Vorstand nichts geworden ist. Vielleicht (?) wäre es eine ganz glückliche Lösung gewesen. Denn wenn es auch in Heidelberg Ernst würde, so sind die Abtransportierungen für alte Leute noch schlimmer als vorher. Nun, – man muß auch dies, wie so vieles, seinen vorbestimmten Gang gehen lassen. Der 85jähr. Penck mit seiner vom Schlag gerührten tauben Frau ist in das Krankenhaus in Hindenburg gebracht worden. Frl. Wingeleit – zum 1. Mal zu Weihnachten nicht da – scheint es in Lyck ganz erträglich zu gehen.
Wir haben die Damen v. Glasenapp mit ihrem Mädchen noch bei uns; es geht, weil Frl. Hoffmann verreist ist. Das G.sche
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| Haus ist, ohne Brand, unbewohnbar geworden. Später werden sie wohl nach Baden-Baden gehen. Vorläufig versuchen sie, noch einiges zu bergen. Die Möbel mit Inhalt stehen ja jedem Zugriff offen, und trotz aller Gegenwirkungen ist das Plündern geradezu organisiert. – Der letzte Angriff war wieder recht – schlimm. Die Stadtbahn ist zwischen Nicolassee und Alexanderplatz zweimal unterbrochen. Die Universität hat stark gebrannt, aber nur im Westflügel. Die Staatsbibliothek ist vorn links von einer schweren Sprengbombe getroffen. In der Akademie ist jetzt kein Raum mehr benutzbar. In meinem Seminar waren fast alle Fenster entzwei und andere kleinere Schäden vom Luftdruck.¹) [re. Rand] ¹) Frl. Jung regiert alles mit ungeheurer Tatkraft. Ich konnte gestern doch in meinem weniger beschädigten Zimmer ein kurzes Seminar abhalten. Und heute habe ich in der Universität Ostseite ein Auditorium mit fast intakten Fenstern gefunden, wo ich für 100 Leute (darunter immer noch den General v. Rabenau) wenigstens eine Stunde lesen konnte. Dreck und Zug
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| sind überall ungeheuer. Dorotheenstr. 6 ist ein Scherbenfeld, auch Türen sind zertrümmert. Italienische Kriegsgefangene räumen im Hauptgebäude auf.
Am 6. Januar soll ich m. regelmäßigen Akademievortrag halten. Für den Festvortrag bei der Friedrichssitzung habe ich hohnlachend gedankt. Am Mittwoch waren wir in der ziemlich reparierten Wohnung von Popitz zu 9 bei der Mi.-Ge., sogar Sauerbruch. Die Stimmung war garnicht so schlecht. Man befreit sich eben einmal von all dem Elend. Nun kommen aber wieder dunkle Nächte, die als gefährlich gelten. Löwenthals sind auch abgebrannt. Ich kann garnicht alle nennen, die dies Schicksal getroffen hat.
Wir planen, am 1. Feiertag nach Potsdam zu fahren; am 3. kommt der mir sympathische Historiker Baethgen (Junggeselle.), wenn das Haus noch steht. Sonst natürlich keine Pläne. Ich will diesen Brief schon heute <li. Rand> absenden, da ja Eure Post noch unberechenbarer ist als sie es im allgemeinen ist.
Innigstes, dankbares Gedenken von uns beiden. Dein Eduard.

[Kopf] 79 Japaner in Berlin sollen total geschädigt sein.