Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 30. Dezember 1943 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 30.XII.43.
11 Uhr.
Mein innig Geliebtes!
Eine furchtbare Nacht! Der Angriff kam wieder auf die Minute pünktlich. Gleich im Anfang wurde unser Haus geschüttelt, wie noch nie, und Scherben klirrten. Es dauerte die üblichen 40 Min. Durchflug, bis wir hinaufgehen konnten. Das Dach ist wieder stark zertrümmert; im Schlafzimmer kommt die Nässe schon durch. Mit den Fenstern war es erträglich. Und dann solche Merkwürdigkeiten, daß irgend ein Türrahmen mitten im Hause gesplittert ist.
Wir hatten sehr großes Glück. Die Luftmine ist 120 Schritte von uns auf den Bahnkörper der U-Bahn gefallen, noch am Ende des Bahnsteigs. Die Wälle der Bahn haben die Ausstrahlung abgefangen, so daß den Häusern nur wenig geschehen ist. Eine andere Luftmine ist wieder vor der Post gefallen. Laportes Haus zum 4. Mal schwer beschädigt. Die Post kann kaum noch arbeiten, so demoliert ist das Innere, auch zum 4. Mal.
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Ich mußte gleich früh in die Stadt fahren, um nach dem Seminar zu sehen. U-Bahn erst ab Breitenbachplatz. In Innern der Stadt war alles in Ordnung, d. h. in demselben Ruinenzustand wie vorher. Die Hauptwucht soll sich gegen Neukölln, Britz, Niederschöneweide gerichtet haben. Die Anhalter Bahn ist gestört. Ich fuhr auf der Strecke nach Lichterfelde-West und sah von der Bahn aus, daß das Fenster von Klara Rauhuts Zimmer (wo sie seit 8 Wochen liegt) offenstand. Ich ging also hin und fand eine grauenvolle Zerstörung. Das Nebenhaus droht einzufallen. Ich wagte es nicht, in die baufällige Nr. 10 hineinzugehen. Zu Hause hörte ich von Ida, daß beide Schwestern noch in der Wohnung sind, die andere leicht verletzt. Im Keller sind einige stärker verletzt worden. Wir müssen nun sehen, was sich tun läßt. Glasenapps sind gestern ausgezogen; nur das Mädchen kampiert weiter im Musikzimmer.
Dein lieber Weihnachtsbrief vom 21. ist gestern mit dem andern zusammen hier eingetroffen. Ich danke für alle lieben Gaben: den Hansjakob, der nur durch die Gegend interessiert, aber jeder Poesie bar ist. Das Gebäck ist ausge
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|zeichnet. Susanne hat für ihren Anteil schon gestern geschrieben.
Die Lösung mit dem Vorstand ist ja sehr zweitrangig. Hoffentlich sind wenigstens ordentliche Schwestern dort.
Der "Goethe" ist natürlich in Leipzig verbrannt, wie alle anderen Schriften von mir, die dort noch lagerten. Die 70 von mir versandten Exemplare haben also einen großen Seltenheitswert.
Mädis Schicksal betrübt auch mich; aber ich muß gestehen, daß ich kaum noch Einzelschicksale in ihrer ganzen Schwere zu empfinden fähig bin; man ginge einfach zugrunde. – Prof. Pino u. Frau v. d. Akademie sind im Splittergraben ums Leben gekommen. Wachsmuths Sohn (4 sind beim Militär) ist in Italien ruhmvoll gefallen. Beide waren gestern hier, ferner 2 Japaner u. Frl. v. Kuhlwein. Niemand von den Genannten ist unbetroffen.
Es gelingt mir nicht einen Neujahrswunsch aus der Feder zu bringen. Ich bin eigentlich nur noch von einem Gefühl beherrscht,
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| das ich nicht näher zu kennzeichnen brauche.
Aber der Wunsch, daß Du gesund bleiben mögest, steht für mich an der Spitze. – Wie die 40 Min. Angriffszeit im Keller den ganzen Menschen mitnehmen, ist schwer zu schildern.
Innigst
Dein
Eduard.

[] Der Lastwagen am 3. Feiertag ist natürlich nicht gekommen.