Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 10. Januar 1943 (Heidelberg)


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Heidelberg. 10.I.43.
Mein geliebtes Herz!
Heut ist schon der zweite Sonntag im neuen Jahr und noch immer hast du keinen Brief von mir! Und ich habe mich doch so innig gefreut über Dein liebes Schreiben vom 2. Weihnachtstag und noch besonders über das kleine Kalenderchen. Diesmal hatte ich überhaupt nicht an die Möglichkeit gedacht, denn hier habe ich keins gesehen. Und nun gerade hast Du mich so lieb damit versorgt. Hab vielen Dank!
Wann ich zuletzt Nachricht gab, weiß ich garnicht. Aber ich hatte da noch Hoffnung nach Dielbach zu kommen. Es war aber nichts, bis Sylvester lag ich fast zu Bett. Die gute Frau von Schoepffer schickte mir viermal vorzügliches Essen, Suppen etc.
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| und dann konnte ich mich wieder allein versorgen. Aber ich war sehr müde und habe vor allem viel Augenschmerzen, was mich am Lesen und Schreiben hindert. Einige Tage war ich so weit gesund, und erledigte dringende Näherei, ein paar Besuche und Neujahrsbriefe, die noch zum Teil unerledigt sind. Aber da kam z. B. Nachricht, daß bei Mädi Pramann ein Junge angekommen ist, daß das einzige Töchterchen vom Bruder Günther eine Blinddarm-Operation gemacht bekam, kam das Kärtchen von Emmy, das ich doch gleich beantwortete - da war noch zu danken für Weihnachtspäckchen - kurz, was ich Dir gern schreiben wollte, blieb im Herzen verborgen.
Und ich bin doch in der Stille immer vom "See" nach "Sanssouci“ und umgekehrt
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| gewandert. Das Bild des Königs, das Du so mit unmittelbarem Leben erfüllt, beschäftigt mich täglich. Du hast es verstanden, sein Eigenstes hinter Eigenheiten und Zeitbedingtem ahnungsvoll fühlen zu lassen. Man fragt sich: wäre er der Tatmensch gewesen, wenn er für sein Verlangen das erlösende Wort gefunden hätte? Es kam mir der Faustmonolog in den Sinn: - ich kann das Wort so doch unmöglich schätzen - - -
Und so blieb seine einzige Gewißheit in den unendlichen Kämpfen - die einsame Stimme. Alles Positive sammelte sich in diesem Punkt - denn Du verschweigst ja nicht, daß er auch ein zersetzender Spötter war. - -
- Es beunruhigt mich, daß ich über Susannes Husten nichts mehr hörte. Hat
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| es sich gebessert? Ich hoffe es. Nach der bekannten Duplicität der Fälle habe ich dieser Tage hier auch eine Nachricht von Bekannten, die von "Keuchhusten" spricht. Eigentlich ist das ja sonst mein Privatvergnügen gewesen. Ich bin froh, jetzt ein Mittel gegen die Erstickungsanfälle zu haben, das hoffentlich im Fläschchen nicht verdunstet. Es ist Chloroform in Alkohol. Augenblicklich ist bei mir statt dessen ein kolossaler Schnupfen in Blüte. Hoffentlich rutscht er nicht tiefer. Leider hindert mich das aber nun, den Besuch bei Kohlers nachzuholen. Heut sollte ich eigentlich dort sein, und sie wollten den Baum noch einmal anzünden - schade! Aber es ist mir auch ganz lieb, daß die Sache nicht erst dort kam, sonst wäre das natürlich schuld daran. Andrerseits ist
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| in mir eine gewisse Sorge, ob ich nicht durch solche Hindernisse das erfreuliche Zusammensein dort ganz versäume. Denn man spricht von einer Aufhebung sämtlicher U.K. Stellungen. - Und geht es einem nicht eigentlich mit allem, was man zur Hand nimmt so: es ist das Letzte! - Damit steuern wir nun wieder auf das Thema dieser ganzen Zeit: das Essen. Trotz des Katarrhs und etwas erhöhter Temperatur habe ich einen vorzüglichen Appetit, den ich noch immer ausreichend befriedigen kann. Gestern hatte ich sogar Kaffeebesuch, zu dem ich einen famosen Kuchen gebacken hatte: halb Gries, halb Kartoffeln. Dabei fällt mir nun ein, daß Du zu meinem Bedauern das Weihnachtsherz offenbar hast steinalt werden lassen. Solch Gebäck muß man kalt und feucht aufheben.
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| Ich habe solche Sachen im Blechkasten beim frischen Brot. - Den Rest von der halben Flasche Rotwein, der mir bei der Grippe mit dem Tee zusammen das Leben rettete, habe ich für Frau Buttmi und die zwei Töchter zu einem Teepunsch verwendet, von dem sie sehr begeistert waren. Es war Ersatz für Sylvester, an dem sie eigentlich von mir Unterhaltung erwartet hatten wie voriges Jahr. - Heut bin ich überhaupt nicht aus dem Haus gegangen und das genieße ich immer sehr. Dabei hatten wir herrlichen Sonnenschein, der aber auch in meine Fenster kommt. Die Jugend rodelt unermüdlich die Markscheide hinunter. - Mir fällt noch ein, daß Du nach der Drechslerschen Tochter fragtest. Sie ist in Eisenach gestorben, aber hier bestattet. Der Mann ist Militärkoch. Und die Todesanzeige von Mayer-Gmelin lege ich bei. Nun ist er doch nicht mehr 100 Jahr geworden! - Auch die Schwester von Prof. Deißmann starb kürzlich im Landfriedstift ganz rasch, beneidenswert! Ich hatte sie noch 2 Tage zuvor im Hause getroffen und sie half mir, den Vorstand zu suchen, der
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| meist irgendwo zu Besuch ist, wenn man kommt. Es geht ihr leidlich, aber sie ist traurig, weil nun Lulu Jannasch nicht mehr kommt, sie zu unterhalten; weil Frau Wille ihr gesagt hat, daß sie bei dieser Jahreszeit auch nicht mehr nachmittags kommen kann. Und weil ich angekündigt habe, daß ich nicht so oft zur Stadt fahren will, weil es mich anstrengt und [über der Zeile] mir nicht bekommt. Weißt Du, man merkt es eben, wenn man 70 Jahre alt ist und noch dazu im Kriege.
Von Hofgeismar bekam ich seit Jahren mal wieder etwas Ertrag vom Nießbrauch. So geht es jetzt: je weniger man kaufen kann, desto mehr kommt man zu Geld! Anneliese von Schlotheim ist jetzt bei den Eltern Malius mit ihrem Söhnchen. Der Mann, Regierungsrat in Breslau, ist von anfang an im Felde. Ila lebt in Hamburg, hatte eine Anstellung bei der Seewarte, liegt aber jetzt im Prozeß mit ihr!!! Von dem Rudi habe
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| ich seit dem Besuch bei Dir im Sommer 40 nichts mehr gehört. Es war damals eine etwas peinliche Begegnung.
Morgen werden zwei alte Damen aus dem Kreise von Adele die andre Hälfte von dem guten Kuchen bei mir essen. Ich will damit eine recht alte Verpflichtung erledigen. Eine Freude ist mirs immer, daß alle es trotz der Enge so gemütlich bei mir finden.
Hoffentlich höre ich bald mal von Dir, daß Du gesund bist. Es scheint mir doch sehr lange her zu sein, daß ich nichts erfuhr und ich sorge mich ein bißchen. - Darin fühle ich mich oft der lieben Tante ähnlich, daß ich mir ohne triftigen Grund schwarze Gedanken mache. Als ob man nicht triftige Gründe genug dazu hätte!
Nun aber endlich Schluß! Viel, viel Liebes soll dir dieser Brief sagen und Dich und Susanne grüßen. Immer
Deine Käthe.