Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 14. Januar 1943 (Heidelberg)


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Heidelberg. 14.I.43.
Mein geliebtes Herz,
nun hatte ich also doch leider recht mit meiner stillen Befürchtung! Wie sehr bin ich über diesen Zwischenfall erschrocken. Gib nur gehörig acht und halte Dich warm, daß nichts zurück bleibt. Hast Du nicht mehr solch gestrickte Leibbinde getragen wie früher? Besitzt du noch so eine? - Meine Sorge war eigentlich hauptsächlich die, daß Susannes übler Husten Euch beide recht viel um die Nachtruhe bringen könnte. Ist es also wirklich Keuchhusten? Dann hat sie ihn gewiß bei ihren Gängen in die Familien wegen der Lebensmittelmarken geholt. Es ist nur gut, daß die Einspritzungen helfen. Bei mir war es ja immer etwas Anderes, ein Stimmritzenkrampf, der mit Ersticken drohte. Da half dann das Einatmen von Chloroform im kritischen Moment.
Seltsam ist mir, daß vor kurzem, als Fräulein Drechsler wegen ihres Nierenleidens in Wildungen war, [über der Zeile] ich darüber nachdachte, daß das eigentlich ein
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| Bad für ältere Herren ist und daß ich mit Befriedigung feststellte: solche Sachen hättest Du nicht! Hoffentlich hast Du nun genug davon!
Mein Katarrh ist nun im Abblühen. Es geht langsam genug und kostet enorm Taschentücher.
Relativ gemütlich verliefen die zwei Kaffeenachmittage, besonders der erste mit Frau Franz (der Mathy-Tochter) und Gretel, der Klavierspielerin. Der zweite am Montag brachte mir ein Kästchen Süßigkeiten ein, das war auch lohnend!! Am Dienstag ging ich dann in den Film "Entlassung". Das ging mir sehr nahe, denn wie hat man das s. Z. miterlebt! Der Film ist gut, soweit ich es beurteilen kann, ohne Entstellung. Natürlich wird alles durch die Technik in Pointen zusammengedrängt. Wissen möchte ich wohl, ob dieser Holstein wirklich so gemeine Mittel gebrauchte? - Was die Figur des Kaisers betrifft, so schien sie mir nicht übertrieben. So haben wir ihn ja gekannt und wie sagte er in Doorn?:
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| "Der Gegner hat sich nach meiner Mentalität zu richten." -
Von meiner Mentalität muß ich Dir etwas erzählen, was mir garnicht gefällt. Etwas gegen meinen Willen hat mich die Schwägerin bei Schoepffers [über der Zeile] Fräulein Koelle beredet zum erstenmal im Leben bei der hießigen Leihbibliothek zu abonnieren. Sie sagte am Dienstag d. 5: Kommen Sie morgen um 4 Uhr mit mir, um Bücher zu holen. - Ich war den ganzen Mittwoch zu Haus, aber hinzugehen, vergaß ich völlig. - Nun also, acht Tage später treffe ich Frl. Koelle morgens beim Einkauf, und da fällt mir glücklich ein: heut muß ich nun mit ihr hingehen. Ich verspreche es ihr ausdrücklich, und nachmittags habe ich es - wieder vergessen. Zum Glück kam sie mich abholen. -
So habe ich nun die "Frau v. Rémusat" im Haus, eine gute Vorbereitung auf den Fontane. Umso mehr wird mir die "gute Gesellschaft" nachher wohltun. Was ich bisher in den
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| Memoiren las, ist seltsam zeitgemäß. Möge uns doch wieder eine solche Befreiung beschieden sein! Welch ein großes Stück Geschichte haben wir doch miterlebt! Aber man darf nicht aufhören zu hoffen.
Draußen tobt der Sturm und peitscht den Regen an die Fenster. Da macht man alles so dicht zu wie möglich. Wenn ich dann morgen früh ins Dorf gehe und den Brief mitnehme, dann kommt er vielleicht mal wieder zum Sonntag recht. - Das habe ich jetzt auch öfters an mir, daß ich einen Brief schreibe und dann einfach liegen lasse! Es geht rapide zurück mit mir. Oder ist es nur die augenblickliche Angegriffenheit? Ich will es hoffen.
Zu Friedrich d. Gr. gehe ich immer wieder zurück und folge Deiner Charakterisierung der einzelnen Züge wie ich etwa feine Handzeichnungen großer Künstler sehe, nachfühlend.
Für heut nur diesen Gruß. An Susanne vielen Dank für die Sendung des Buches und Euch beiden viele Wünsche für baldige Gesundung.
<li. Rand>
Immer Deine Käthe.