Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 7./8. Februar 1943 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 7.II.1943.
Sonntag abend.
Mein liebes Herz!
Wie Du siehst, ist aus meiner Fahrt nach Dielbach nichts geworden, denn Kohlers bekamen Besuch aus Karlsruhe. Nun fahre ich vielleicht im Laufe dieser Woche, je nachdem die Nachricht von Dir lautet, auf die ich schon wieder mit Besorgnis warte. Ob wohl die Besserung Fortschritte gemacht hat? Es ist ja nur eine Wendung zum Guten, aber schon das wäre mir ein Trost. - Heute war wieder ein Sonntag, wie er mir gefällt: - ganz still zu Haus. Und - wenn ich auch leider mich nicht bei Dir nützlich machen darf, so habe ich doch für Dich, wie ich hoffe, Nützliches getan, nämlich: Gutes gebacken. Ich habe noch aus der Zeit, als man seine Brotkarte nicht aufbrauchte, Mehl gespart. Auch werde ich jedenfalls in Dielbach wieder und zwar
[2]
| "eignes Produkt" bekommen, sodaß mein Vorrat wie das Ölkrüglein der Witwe ist. Nun habe ich heute ein nettes kleines Weißbrot für Dich zum Frühstück, das mir wohlgeraten scheint, und außerdem ein Kästchen voll Kekse, alles mit Butter, denn ich hatte noch Reisemarken. Also denke ja nicht, es ginge mir etwas ab. Du hattest ja die kleine Marke so schnöde wieder zurückgeschickt, so mußte ich Dirs halt auf andre Art beibringen. - - Jetzt habe ich nun das Päckchen zusammen gerichtet und habe gleich eine kleine Schachtel für Susanne - aber erst zum 19. - mit eingelegt. Willst Du das wohl vermitteln? - Hoffentlich kommt mein Gebäck nicht zerbrochen an! Es ist sehr locker, aber ich habe sehr sorglich verpackt, und bitte herzlich, alles Material - innen und außen gelegentlich zurück zu liefern. Ist wohl unterdessen ein Päckchen bei Euch angekommen mit Dextropur und
[3]
| dem graziösen Büchlein von Arcan Clée? Es ist ja nichts Bedeutendes, aber solch anmutige Plauderei, und so dachte ich, es sei eine rechte Krankenlektüre. - Wenn Du nun fürs erste das Kolleg aussetzen mußt, brauchst Du dann das Buch über die Bienen doch? Gestern habe ich hier einen Vortrag gehört über Bienen mit hübschen Lichtbildern. Es war fürs W.H.W. Eigentlich hatten wir es auf Richard Benz über Goethe und die Brüder Boisserín abgesehen, das ist aber auf den 20. verlegt. Vielleicht hat man es als unerlaubtes Vergnügen angesehen! Alle Welt ist ja erschüttert von den Nachrichten über die Front. Es sind eben die Meisten davon überrascht worden. Aber einzelne persönliche Berichte, die man gelegentlich hörte, konnten doch schon lange die Wahrheit ahnen lassen. Vielleicht ist es glücklicher, nicht so vorahnend zu sein, aber es ist eben Gabe. "Warum gabst
[4]
| Du uns die tiefen Blicke -" - auch das gehört zum vollen Leben. Der Gespenster[über der Zeile] glaube, dem Fontane das Wort redet, ist nicht mein Fall, aber ein geheimes Band zwischen allem Geschehen [über der Zeile] ist da, davon bin ich im tiefsten überzeugt. So ist mir auch Dein Kranksein in diesem Augenblick trotz allem wie ein sinnvolles Geschehen. - Das Buch von Fontane lese ich jetzt gleich noch einmal. Es entgehen einem doch beim ersten mal viele Einzelheiten, die doch wert sind beachtet zu werden. Vor allem aber ist mir so wohltuend, wie die Menschen mit all ihren Fehlern von innen her, mitfühlend, gezeichnet sind. Vielleicht empfinde ich das so besonders nach der Lektüre der Rémusat. -

d. 8.II. - Soeben habe ich das Päckchen zur Post gebracht und da gab mir unterwegs die Briefträgerin den Doppelbrief von Dir. Wie froh bin ich, daß es Dir wirklich besser geht. Nun werde ich ganz beruhigt nach Dielbach
[5]
| fahren können und zwar am Mittwoch. Vermutlich werden Kohlers mir zureden, über Sonntag zu bleiben und je nachdem habe ich Lust dazu. (Adresse: Ober-Dielbach, Post Eberbach-Land. Schulhaus) - - Von Gertrud hatte ich diese Woche auch ein Weißbrot, und da es mir solch Genuß war, wollte ich auch Dir etwas "zuwenden". Da es Dir nun besser geht, darfst Du es, falls Du willst mit Susanne teilen. Aber die Plätzchen sollen für Dich allein sein, das ist noch eine Mehlsorte, die es nicht mehr gibt. Dafür kriegt sie die kleine Schachtel. - Rein objektiv kann ich Dir mitteilen, daß es mir wirklich gut geht, soweit es heutzutage möglich ist. Hier auf dem Dorf ist es so knapp mit der Milch nicht, wie in Berlin, und es verlohnt sich für mich, daß ich den 12 Minuten weiten Weg zu der Quelle nicht scheue, von der ich seit meinem Hiersein, also über 6 Jahre, beziehe. Ich hole 4x in der Woche ¾ l. und das ist mir sehr wichtig. Auch sonst bin ich schrecklich aufs
[6]
| Essen erpicht und manchmal, wenn ich erst denke: "das sollte ich dem Vorstand bringen", dann esse ich es doch selbst. Das ist nicht gerade edel, aber so bin ich. - Dagegen will es mit dem Optimismus bei mir nicht so glücken. An der Panik habe ich keinen Anteil, aber ich finde in der gegenwärtigen Enwicklung nur die notwendige Consequenz alles Bisherigen. - Was Du von Fontane sagst, habe ich nicht als Hauptsache empfunden, ich fühlte nur mit Wohlgefallen, daß eine große Bereitschaft um sich griff, wenn auch die Mittel z. T. verfehlt waren. Vom Urgroßvater aber weiß ich, daß auch zweckvoll gearbeitet wurde. Er konnte in Hütten, die ihm unterstellt waren heimlich Geschütze gießen lassen für den Staat, und durch Scheinverkäufe an große Berliner Firmen Staatseigentum dem Zugriff der Franzosen entziehen u. damals wurde eben Privateigentum noch rechtlich geachtet. -
Doch ich muß jetzt den Vorstand zum Mittagessen bei Frl. Schupp führen und dann in die Stadt gehen. Also für heut ade und vielen <li. Rand> Dank für Dein liebes Schreiben. Mache so weiter! Innige Grüße <Kopf> und gute Wünsche von Deiner Käthe.