Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 19. März 1943 (Heidelberg)


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Heidelberg. 19.III.1943.
Mein liebes Herz!
Ich möchte doch endlich einmal wieder zum Sonntag pünktlich sein und so schreibe ich heute vormittag, während Frau Kühn die Küche putzt und es im Zimmer noch herzlich kalt ist. Aber draußen merkt man den Frühling jetzt mit Freude, es blüht und singt, daß man meint, es sei noch nie so schön gewesen. Innerlich aber ist es still – das große Schicksal flutet und ebbt, man fühlt den Pulsschlag in stetem Bangen mit. Überall auch im Privatleben der Menschen Schwierigkeiten, Sorgen, Trauer, auch abgesehen von den täglichen Opfern an der Front.
Wie mag sich die Schwierigkeit mit der Erziehung gelöst – oder entwickelt haben?
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| Im Februar bekam ich das Heft Okt.–Nov. – seitdem ist hier noch nichts eingetroffen. Daß ich für Traudel Kohler zur Confirmation noch ein "Blaues Buch" erstehen konnte mit Bildern von Ludwig Richter, war ein glücklicher Zufall. Zur Feier fahre ich aber nicht hin, da wird im Schulhaus eine solche Fülle von Logiergästen sein, daß es nur eine Erleichterung für die Hausfrau ist, wenn einer fortbleibt; Sonntags ist nämlich kein Autoverkehr, also müssen alle übernachten.
Walther Hecht ist jetzt in der Lehre bei einem Gärtner. Möge er durchhalten! Ursel Kohler und Maria Buttmi haben das Abitur gemacht und nun kommt der Arbeitsdienst, bei Ursel Ausgleichsdienst, da sie Rheuma hat und in ärztlicher Behandlung ist. Beide Mädels denken daran Apothekerin zu werden. Das ist wohl eben das Aussichtsreichste! Bei Maria habe ich die wochenlangen Bedenken eingehend miterlebt. Sie war schon zur Lehrerin entschlossen, da sie die geliebte Geige durch die
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| Unterbrechung im Arbeitsdienst nicht fortsetzen konnte. Aber sie wollte die Garantie haben, nach dem Lehrerinnen-Examen weiter studieren zu können und dafür war keine Aussicht, da sie wohl unmittelbar im Staatsdienst festgehalten würde. Was weiß man überhaupt, was morgen geschehen wird?!
Bei uns im Haus ist seit Mitte Dezember jetzt endlich die Treppenbeleuchtung wieder in Ordnung. – Wie mag es mit den notwendigen Reparaturen bei Euch im Hause stehen? Man hört immer, daß nach solchen Überfällen Handwerker aus anderen Orten beigezogen werden. Aber inzwischen ist ja nun wohl Essen noch bedürftiger?
Ich mache mir Sorge, wie es Dir gehen mag nach allem was diese Sache an Erkältung und Nervenstrapaze mit sich brachte. Mir haben die ärztlichen Verordnungen recht gut geholfen. Die eigentlich unbedeutenden
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| aber dauernden Schmerzen sind so zu sagen weg. Jetzt will ich noch möglichst viel von der schönen warmen Sonne einfangen. Heute z. B. mit Frau Buttmi den Weg zur Strahlenburg machen. – Am Dienstag bin ich ganz allein von der alten Brücke am Neckar zur Stiftsmühle und dann über den Berg nach Ziegelhausen zur Waschfrau gegangen – Dein gedenkend und Dich herbei wünschend, denn es war schön und es war unser Stil; ich suchte mir nach der Richtung Feldwege. Es klappte auch tadellos.
Ein Vortragsabend bei Maria Bassermann brachte sehr gute Deklamation von Schülern; es war stellenweise ganz dramatisch.
Und sonst gehen die Tage ganz gleichförmig in nüchterner Beschäftigung für ein möglichst nahrhaftes und ruhiges Leben. Der Vorstand ist nicht sehr wohl und will oft besucht sein, und das tropfenweise Einkaufen nimmt kein Ende. Und wenn einmal wieder die Möglichkeit sein wird, Vorräte zu beschaffen, wird man vermutlich kein Geld mehr haben! – Grüße Susanne <li. Rand> herzlich und nimm selbst innige Grüße und gute Wünsche von
Deiner Käthe.