Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 11. April 1943 (Heidelberg)


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Heidelberg. 11.IV.43.
Mein geliebtes Herz!
Aus meinem inhaltlosen Leben ist ja wirklich garnichts zu melden. Aber ich möchte Dir doch wieder mal einen Gruß senden und Dir sagen, wie es mich freut, daß du trotz der äußeren Unruhe zu einer größeren Arbeit die Ruhe findest.
Viel denke ich Öppingers. Ähnliche Fälle gibt es auch hier immer wieder. – Als wir in Hofheim waren, fiel uns doch das sonderbare Wesen der Mutter auf, aber auf solchen Gedanken waren wir nicht gekommen. So ist wohl oft die wunderliche Art eines Menschen verursacht durch eine geheime Not. – –
Überall gibt es auch Krankheit. Die gute Frau von Schoepffer ist zu längerer Bettruhe verurteilt. Sie macht einen beunruhigend erschöpften Eindruck; man behandelt Herz und Nerven. Und der Vorstand ist sichtlich
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| kümmerlicher geworden. Die Pflege in dem Heim ist natürlich recht schwach. – Wie geht es denn Frau Henning? Da war wohl die Operation sehr kompliziert? Denn Fieber ist doch sonst nicht dabei. – –
In wiefern merkst Du noch Beschwerden? Sei nur vorsichtig und laß Dich ärztlich beraten. Ein Kuraufenthalt würde vermutlich Deinen Plan mit der Reichenau nicht behindern, denn Du hättest sicher Anspruch auf eine Nachkur. Und es wäre so wunderschön, wenn etwas daraus werden könnte, daß ich garnicht den Mut habe, daran zu glauben. Schreibe nur ja beizeiten an Emmy; etwas verschieben kann sie den Zeitpunkt nach Bedarf sicherlich. Es wäre ja ein Jubiläum für uns!
Gestern hatten wir nach langer Zeit mal wieder Alarm. Es wurde geschossen, und es sah am dunstigen Himmel aus wie ein starkes Gewitter mit fernen Blitzen, aber kam nicht in die Nähe. Nur zum Schluß gab die Flak in unsrer Nachbarschaft noch einen Knalleffekt.
Am Dienstag wird Ursel Kohler mit einer
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| Freundin der Familie, die ich auch gern habe, bei mir zum Kaffee sein. Ursel bekommt hier eine Behandlung mit Fango-Packungen wegen rheumatischen Schmerzen. Sie wird vom Mai ab in der Universitäts-Apotheke als Lehrling eintreten. ("Akademische Verkäuferin" sagt der Vater.) – Maria Buttmi wird nun erst ihren Arbeitsdienst ableisten, ehe sie in den Beruf geht. Sie hat ihr Abitur gemacht mit genügend. Aber da die Einzelnoten [über der Zeile] teilweise schlechter waren als im vorigen Zeugnis, hat die Mutter ihr eine geplante Reise zu Verwandten nicht gestattet. Wenn der Schulbetrieb geregelt gewesen wäre, wie früher, dann wäre diese Maßnahme wohl gerecht. Aber da vor allem der Einfluß des Direktors als ungerechtfertigt gefunden wird, hätte ich Nachsicht richtiger empfunden. Die Jugend hat doch heute wirklich wenig Erfreuliches vom Leben und die Beziehung zu den Verwandten ist für Maria eine
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| besonders nahe und wertvolle. Maria hat ein heiteres, etwas leichtes Temperament und die Mutter will ihr deutlich machen, daß man sich im Leben mehr anstrengen muß. Aber kann sie das Naturell ändern mit solcher späten erzieherischen Maßnahme? –
Also die Erziehung ist "suspendiert"; demnach nicht aufgegeben. Und ich hoffe in der Stille, daß sie in Zukunft Dir noch einmal zum Sprachrohr werden wird. –
Die Tage gehen rasch trotz ihrer Einförmigkeit. Eine Handarbeit hat mich völlig gefesselt, weil ich sie endlich fertig haben wollte. Es wartet auch sonst noch sehr viel nötige Arbeit auf mich, und alles geht so langsam. Dabei muß ich mich immer hüten, nicht zu "wehrhahnen", weil ich gern mehr fertig brächte, und leicht zu viel anfange. – Jetzt aber will ich aufhören und zu Bett gehen, denn es ist schon 11 Uhr. Hoffentlich kommt nicht wieder um 2 Uhr Alarm!
Ich grüße Susanne und Dich herzlich. Der gute Schutzheilige der Deutschen, der heilige Michael, behüte Euer Haus und Euch.
Deine Käthe.