Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 18. April 1943 (Heidelberg)


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Heidelberg. 18.IV.43.
Mein geliebtes Herz!
Bei einer Wärme von 20°R im Schatten und 30° am sonnigen Fenster sitze ich den Sonntagnachmittag still zu Haus und hoffe einmal wieder Briefe zu schreiben. Der Erste bist natürlich wie immer Du, und ich danke Dir auch für Dein liebes Schreiben vom 13. – Wie war der Ferientag in Straußberg? Es ist ganz richtig, daß man am besten die Tage mit den Gedanken an eine Arbeit hinbringt, und in der Tat, lebt man besser nicht in zu enger Fühlung mit dem Allgemeinen, das nur geeignet ist, die Seele zu lähmen und zu erdrücken. Es kommt mit unerschütterlicher Sicherheit immer näher und doch können wir uns kein Bild machen, wie es aussehen wird. Da ist es auch wohltuend die tastenden Gedanken durch "schöne" Lektüre abzulenken, und wie Du jetzt die Schwarzwald-Romane zur Hand genommen hast, bin ich nachdem "vor dem Sturm" zuende war, zu der Odyssee gekommen. Ich genieße diese Welt und die Anschaulichkeit des Lebens. Wie köstlich der Humor bei der ersten Begegnung des Odysseus mit der Athene auf dem Boden von Ithaka: sie streichelt ihm lächelnd die Hand und sagt: "Kannst Du selbst hier das Lügen nicht lassen?"
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| Damit aber diese stille Lektüre nicht zu sehr besänftigt, haben wir jetzt wieder recht kräftig nächtliche Störungen gehabt. Gestern begann es wieder um 12 Uhr und dauerte bis ½ 4. Außer Mannheim, das wir beobachten konnten und das sehr mitgenommen ist: Gas- und Wasserwerk, Bahnhof, Lanz und Benz, seien sie noch wieder in Stuttgart, Nürnberg, München gewesen. Heute war bereits Voralarm, da haben sie wieder erkundet, und wir können wohl neuen Besuch erwarten. –
Andern Besuch hatte ich gestern. Kohlers waren in Heidelberg, eigentlich bei Rösel, aber da gerade gleichzeitig Walther an einem Rückfall erkrankt nach Hause kam, suchten sie mich auf, und wir haben im Bergbräu zu 6 zu Mittag gegessen. Das ist mit Walter eine sehr traurige Sache. Er hat jetzt einige Zeit bei einem Gärtner in Kirchheim als Lehrling gearbeitet, aber auf einmal ist es wieder schlecht mit ihm geworden. In Gegenwart der Kinder wurde mir nur andeutungsweise erzählt, daß Rösel ihn abgeholt habe, daß sie Soldaten begegnet wären, und daß er strammgestanden hätte, daß er den Offizier anredete: "jawohl, Herr Hauptmann" daß er auf dem Boden "in Deckung" gegangen sei u.s.w. – Völlig verwirrt – – Otto meint
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| es sei ein Gutes, daß all seine Vorstellungen mit dem Kriege zusammen hingen und daß sie also mit dem Kriege auch vergehen würden. Ich weiß nicht, ob man das glauben soll? –
So ist also auch hier eine trostlose Zerstörung. Dazu ein Reichtum in der Natur, wie ganz selten. Es entfaltet sich, daß man es förmlich stündlich wachsen sieht. Die Baumblüte war so üppig, daß die Blüten kaum Platz neben einander hatten, und abgesehen von 2 Nächten mit leichtem Frost verlief sie ungestört. Jetzt stehen nur noch die Winteräpfel bevor. – Nur mit Ursel Kohler und Frau Hanna Richter am Dienstag machte ich einen kleinen Spaziergang oberhalb Rohrbachs, sonst war einzig der Weg von und nach der Stadt eine Gelegenheit, sich an der wundervollen Natur zu erfreuen, sofern ich nicht mit der Elektrischen fuhr. Denn ich muß ja gestehen, daß ich nicht allzusehr fürs Laufen bin, sondern öfters selbst die überfüllte Bahn vorziehe. – Wegen der Lehrstelle für Ursel waren die Eltern in der Universitäts-Apotheke und waren von ihrem Eindruck recht zufrieden. Ursel hatte mich auch vorher schon gefragt, ob ich nicht ein Zimmer für
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| sie wüßte; ich habe verschiedene Leute gefragt, aber es heißt, alles wäre überfüllt. Eine gute Pension war mir empfohlen und die Frau Klein wäre auch nicht abgeneigt gewesen, falls bis dahin Platz wäre – aber Gertrud hält ein Zimmer und Selbstverköstigung für vorteilhafter. Da Ursel ein wenig zart ist, bin ich etwas in Sorge, denn die Gasthauskost und das selbstgemachte Abendbrot sind oft recht notdürftig. Nach dem anstrengenden Dienst den Tag über ist man nicht aufgelegt, noch was zu bereiten.
– – – Mit dem Dextropur ist es jetzt nicht mehr sehr üppig. Bekommt ihr dort garkeins? – Und etwas noch möchte ich nicht versäumen zu schreiben: Im Falle eines Angriffs wollen wir uns versprechen immer gleich einander Nachricht zu geben und wenn es nur eine Karte wäre! – – Als Alkohol habe ich mir diesmal eine Art Magenbitter (Calisay) genommen, nach dem Grundsatz: "es ist ein Brauch von Alters her –" Da werde ich immer nach dem Kellerbesuch einen Likör zu mir nehmen. – –
Und nun für heute ade! Ich freue mich schon auf Deinen nächsten Brief. Und besonders freue ich mich, daß Dein Ph. v. S. eine verständnisvolle Würdigung gefunden hat. Mir ist vor allem davon <li. Rand> der Eindruck geblieben, wie Du auf dem was zeitgemäßer Hintergrund ist das ganz Persönliche herausgenommen hast. – –
<li. Rand, S. 3>
Viele, viele innige Grüße von
Deiner Käthe.