Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 23. April 1943 (Heidelberg)


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Heidelberg. Karfreitag 1943.
Mein geliebtes Herz!
Möge das Osterfest auch so ungestört verlaufen, wie mir Deine liebe Karte vom letzten Alarm vermeldet. Ob man inzwischen erfuhr, wo das Ziel des Angriffs war? Hier hatten wir überhaupt nichts davon erfahren, aber das weiß man nie vorher, was von alledem in der Zeitung stehen wird. So hatte ich neulich nach der Sache in Mannheim nicht gleich geschrieben, da wir garnicht in Mitleidenschaft waren.
Gestern hat auch mal der Himmel ein kräftiges Wort mitgeredet in Gestalt von tüchtigen Blitzen und Donnern. Es war tags zuvor ganz riesiger Sturm, der wohl die Atmosphäre so elektrisch geladen hatte. Es ist so schön, wie ich von meinen Fenstern recht mitten in der Natur bin; nach Westen den weiten Blick über Ebene und Himmel,
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| nach der andern Seite dicht am bewaldeten Berg, dessen Bäume sich bogen wie Wellen, dann eigentlich über Nacht ist alles dicht, dicht belaubt. Und noch tönt sich alles in den feinsten Schattierungen von Grün ab. – Ich habe vor, an beiden Feiertagen einen größeren Spaziergang zu machen, erst mit Hedwig Mathy und dann mit Frl. Seidel. Am liebsten würde ich trotz der Menschenfülle auswärts essen,um nicht kochen zu müssen. Wollen sehen, wie die andern denken. Außerdem sehen die Wolken so föhnig verblasen aus, daß man keine zu festen Pläne machen kann.
Wie friedlich tönen mir die sonntäglichen Geräusche durchs offne Fenster herein, besonders die Amseln können sich nicht genug tun. Oft muß auch ich denken, was Du auf Deiner lieben Karte schreibst: Wie schön könnte ... Ich bin so gespannt, was Emmy antworten wird?! –
Ein ganz reales Ostergeschenk kam gestern in Gestalt von einer Zuschrift des Stiftungs
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|amtes der Reichshauptstadt Berlin, die mir eine jährliche Unterstützung von 400 M zusagt. Es ist die Wirkung der Übernahme von der Friederike Amalie Engel-Stiftung durch die Stadt, von der ich bisher aber nur 50 M bekam. Das ist doch eine regelmäßige Entlastung für Dich, mein liebes Herz, die Dir angenehm sein wird. Ohnehin hat doch Carl Ruge jetzt schon zum zweitenmal die monatlich 50 M fürs ganze Jahr vorausgeschickt, sodaß ich Dich herzlich bitte, Deine Sendungen einzustellen, bis ich etwa mal in Verlegenheit gerate. Dann werde ich mich immer zuerst an Dich wenden. Du hast ja aus meiner Aufstellung gesehen, welche Reserven auf der Sparkasse liegen. –
Briefliche Nachrichten bekomme ich sehr wenige, da ich selbst entsetzlich schreibfaul bin. – Viel Zeit kosten mich die häufigen Besuche beim Vorstand, der es aber wieder besser geht. Sie hat eben den bekannten zähen Lebenswillen
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| der alten Leute. – Weniger zufrieden bin ich dauernd mit dem Befinden der Frau von Schoepffer, für die vor allem die Bezeichnung "gütig" paßt. – An unserm Lesenachmittag haben wir jetzt ein Buch von einem R. K. Goldschmidt-Jentner, der die Begegnung von hervorragenden Menschen, der ihre Freundschaft oder Fremdheit psychologisch zu begründen sucht. Kennst du den Schriftsteller? Es kommt mir etwas wie geistreiche Plauderei vor.
Nun will ich sehen, wie ich diesen Brief noch irgendwie auf die Hauptpost bringe, damit er zum Sonntag bei dir ist. Verlebe mit Susanne die Feiertage gut, vielleicht zum Teil in Potsdam?, und grüße sie herzlich von mir. – Dir wünsche ich Gleichmut und neue Kraft, Geduld: es muß doch Frühling werden!
Viele innige Ostergrüße von
Deiner
Käthe.