Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 5./6. Mai 1943 (Heidelberg)


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Heidelberg. 5. Mai 1943.
Mein geliebtes Herz!
Ich habe mich sehr gefreut, als endlich Dein "Osterbrief" kam, den ich schon seit Mittwoch mit jeder Post sehnlich erwartet hatte! Habe Dank für Dein liebes Schreiben und alle Mitteilungen, auch für das Mitsenden der Bilder. Die willst Du vermutlich zurück haben? Ganz erstaunt bin ich, wie gut Dein Bild da am Fenster geworden ist. Ich merkte, wie Herr Öppinger knippste, aber dachte, das könne nichts geben! Dagegen ist das auf der Straße leider unterbelichtet und unscharf. – Inzwischen leben wir also noch weiter, und es kann noch viel übler werden! Zu Ostern sind beide Pläne nichts geworden des unsicheren Wetters wegen. Am Sonntag nötigte mich Frl. Mathy bei ihr zu essen, was ganz lohnend war. Nachher gingen wir auf den Heiligenberg zur Waldschenke zum Kaffeetrinken und von da weiter: Zollstock, Holdermannseiche und auf allerlei Umwegen
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|durchs Mausbachtal runter und am Neckar, bis zum Karlstor in die Elektrische. Es war ein schöner, lohnender Weg; allerlei Menschen unterwegs und kein Regen. – Am 2. Feiertag hatte auch Frl. Seidel keinen Mut für Schönau, aber sie schlug vor, von Schlierbach den Auweg nach Neckargemünd und dort ins Schützenhaus zum Essen zu gehen. Bei Regen holte ich sie ab, aber auf dem Weg hatten wir warme Sonne und die Natur war von einer strahlenden Schönheit. Der Wald ist da so abwechslungsreich, vom zartesten Grün zum tiefen Dunkel der Tannen; die jungen Blätter sind noch wie von feinster Seide und die Bäume so reich belaubt wie selten. Es ist überhaupt in allem eine große Üppigkeit. Hoffentlich entspricht dem auch die Ernte. Freilich viel wird man davon doch nicht zu sehen bekommen; (z. B. vom Spargel bekommt die Person ½ <altes Pfundzeichen>. Lohnt das das Kochen?!) – Dagegen war das Essen
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| im Schützenhaus für 50 gr. Fleisch und 10 gr. Fett ausgezeichnet, mit 1/8 l Apfelsaft für 1,60 M! Wein gab es nur in Flaschen. – Unser Rückweg war nicht so angenehm, denn es hatte sich ein starker Wind aufgemacht, und wir waren froh vom rechten Neckarufer über das Wehr bei der Orthopädischen Klinik in die Elektrische zu kommen. So war es also anders als geplant, aber doch recht hübsch. –
Mitte der Woche bekam ich dann unvermutet einen hübschen Schellfisch und dazu holte ich mir den Vorstand, die immer über mangelhaftes Essen klagt. Nach dem Kaffee brachte ich sie wieder heim und entdeckte dort, daß der Diesel-Film, den ich gern sehen wollte, den letzten Tag lief. Also entschloß ich mich noch in die Abendvorstellung zu gehen, was ich sonst gern vermeide. Durch die unvermeidliche Bühnenschau im Capitol, den Reklamefilm und die Wochenschau schon
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| ermüdet, wurde ich doch von dem wirklich guten Film wieder gefesselt und bereute meinen raschen Entschluß nicht, obgleich ich leider der letzten Elektrischen wegen nicht bis zum Schluß bleiben konnte. Noch habe ich niemand getroffen, der mir den Ende mitteilen konnte, aber ich erlebte noch das erste Anlaufen des neuen Motors mit, und vermutlich kann ja jetzt nur noch der vergebliche Kampf geschildert werden, die Maschine zu verwerten. Der Film ist gut und ohne Tendenz, nur der übliche Hieb auf die günstige Wissenschaft durfte nicht fehlen. –
Diesen Brief schreibe ich nun mit der neuen Brille, die mir Prof. Serr verschrieb, und die wirklich sehr angenehm ist. Es sind Zeiß-Punktal-Gläser und vor allem ist der Winkel für den Ausgleich der astigmatischen Linse auch im linken Auge jetzt richtig eingestellt. Er ließ es mich selbst
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| bei der Untersuchung machen und es stellte sich heraus, daß die Sehschärfe nicht dem entspricht, was der Arzt am Auge konstatiert. Die Brille kostet 23 M, was ich noch nicht einmal so viel finde, wie ich fürchtete. Aber ich bin ja jetzt "in der Lage", mirs zu leisten!! Ja, die Stiftung ist erstaunlich. Ich habe Dir doch gelegentlich erzählt, daß ich jährlich etwa 50 M von einer Familienstiftung bekam, die mit Broses irgendwie zusammenhängt. Diese Amalie-Friederike-Engel-Stiftung hat nun die Stadt Berlin übernommen und ich wurde kürzlich hier von einem städtischen Beamten ausgeforscht über meine Existenz, Besitz etc. – Ich fand das für 50 M reichlich viel Umstand, und war nun über die Ankündigung der laufenden Unterstützung von 400 M. jährl. sehr erstaunt. Martin Schöpff (auch Familie Brose) schreibt mir zwar, das müsse ein Irrtum sein, soviel könne der Fond der Stiftung
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| garnicht geben. Da bin ich nun neugierig, jedenfalls habe ich die ersten 100 M schon bekommen. Vielleicht verwaltet Berlin allerlei Stiftungen gemeinsam und findet, daß 50 M keine "Unterstützung" sind. – – Schreibe mir doch, bitte, ob es angebracht ist, daß ich jedesmal den Empfang mit Dank bestätige, oder ob das die Verwalter der Stiftung belästigt. –
Gestern hatte ich den Lesekranz bei mir und hatte gutes Weißbrot dazu gebacken. Dafür haben mir beide Ehepaare schöne Blumen aus ihrem Garten mitgebracht, die nun mein Zimmer schmücken. Blüht es jetzt auch bei Euch im Garten und wächst der Kohl?? – Nächstens kommt noch einmal etwas Dextropur. Es fließt jetzt schwarz. Und ich werde dann eine "verlassene Sommerwohnung" mitschicken, die Dich vielleicht interessieren wird. – Ob übrigens Emmy schrieb? Ich grüße Dich innig und sage auch Susanne einen herzlichen Gruß.
Deine Käthe.

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6.V.43.
Jetzt habe ich doch ein Ereignis vergessen, das die Gemüter in Bewegung versetzte, und nicht nur die Gemüter sondern die ganzen Menschen: das Erdbeben. – Ich wachte in tiefer Dunkelheit auf und dann merkte ich, wie ich ganz stark hin und her geschüttelt wurde, mehrere Sekunden lang. Ich machte Licht und sah, daß es 3¼ Uhr war, drehte mich rum und da es ruhig blieb, schlief ich schnell weiter. Also: ein Erdbeben. Gleich am nächsten Morgen ging ich zu den Nachbarn, um zu hören, wie es ihnen bekommen sei; aber alle Leute, die immer über Schlaflosigkeit klagen, hatten nichts gemerkt, weder Frau Buttmi noch Frau Heinrich, sodaß ich beinah zu dem Glauben kam, ich hätte eine Sinnestäuschung gehabt. Aber da ich garkeinen Alkohol genossen hatte, lag doch kein Verdacht vor. Gerade in den letzten Tagen hatte ich die Schnapsflasche nicht aufgemacht, denn sie hatte schon ganz bedenklich abgenommen. Erst die Zeitung bestätigte meine Vermutung. Natürlich dachte ich an
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| allerlei gemeinsame Erlebnisse mit wackelndem Erdboden!! – Die andern Leute scheinen nur noch auf die Sirene eingestellt zu sein, und manche hatten auch diesmal die Bomben im Verdacht.
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Ich dachte, ich hätte Dir das Zettelchen schon neulich mitgeschickt! Ich fand es zu komisch!
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Ich möchte einmal nicht immer einkaufen und kochen und in die Stadt fahren müssen, sondern all das erledigen können, was mir an sonstiger Arbeit ständig liegenbleibt. Ich hätte so viele Pläne!
Heiterkeit um ein Schaufensterbildchen. Man erzählt uns: Die bekannte und beliebte Blumen-Marie hatte an ihrem Lädchen an der Heiliggeistkirche ein Schild ausgehängt, auf dem in knappen und schlichten Worten zu lesen war. "Topf und Papier mitbringen!" Einige Leute, die verwundert vorübergingen, schüttelten verwundert den Kopf.